Die Schmierenkomödie

Der saarländische Landtag hat mit den Stimmen der Großen Koalition eine Rückkehr zu G9 (Abitur an den Gymnasien nach 9 Jahren) erwartungsgemäß abgelehnt. Die Elterninitiative G9-Jetzt! hatte die parlamentarische Auseinandersetzung mit dem Thema erzwungen, nachdem die meisten Bundesländer inzwischen wieder von G8 abgerückt sind und ein G9 zumindest teilweise ermöglichen. Lediglich das Saarland hält bisher stur und verbissen am Turbo-Abitur fest. Weiterlesen

Gemeinschaftsschule ohne echte Legitimation

Die Gemeinschaftsschule von Klaus Kessler und Oskar Lafontaine

Ab dem neuen Schuljahr wird es im Saarland nur noch zwei weiterführende Schulformen geben: Das Gymnasium und die Gemeinschaftsschule, in der nun 47 bisherige Erweiterte Realschulen und 16 Gesamtschulen zusammengefasst sind. Diese einschneidende Veränderung der saarländischen Schullandschaft haben wir im Prinzip zwei Personen zu verdanken, die sich damit in erster Linie selbst profilieren wollten.

Konzept der Gemeinschaftsschule abgeschrieben
Klaus Kessler, der ehemalige GEW-Landesvorsitzende, sollte nach Spendenskandal und Wahlbetrug das Image der Saar-Grünen wieder aufpolieren. Er stand unter Erfolgszwang und musste möglichst schnell Ergebnisse liefern. So entstand das hastig zusammengeschusterte Konzept der Gemeinschaftsschule, indem einfach der Text der bisherigen Gesamtschulverordnung übernommen und an einigen Stellen leicht verändert wurde. Auf diese Weise konnte Klaus Kessler sein Lieblingskind Gesamtschule über die Hintertür für alle verbindlich machen, die nicht auf`s Gymnasium gehen.

Der Kuhhandel
Außer den Grünen gab es seinerzeit keine einzige saarländische Partei, die diese Pseudo-Schulreform wirklich wollte. Die Jamaika-Koalitionäre CDU und FDP mussten – teilweise zähneknirschend – zustimmen, weil sie auf die drei Mandate der Grünen angewiesen waren. Die SPD lehnte den Kessler-Entwurf grundlegend ab und auch die Linke distanzierte sich. Zumindest anfangs.

Doch dann kam der zweite Befürworter der Gemeinschaftsschule ins Spiel. Oskar Lafontaine, Fraktionsvorsitzender der Saar-Linke, sah in einer Zustimmung die Möglichkeit, sich und seine Partei wenn schon nicht auf Bundesebene dann zumindest im Saarland als kooperativ darzustellen, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Um eine Verbesserung der Schulqualität wird es ihm dabei nicht gegangen sein. Denn Lafontaine machte die Zustimmung zur Gemeinschaftsschule abhängig von der schwammigen Bedingung einer verstärkten Lehrerfeuerwehr, auf die sich Kessler zwar zunächst einließ, die er dann später aber prompt ignorierte.

So gesehen, wird jetzt das gesamte saarländische Schulsystem komplett umgebaut, nur weil genau zwei Personen, die an den Schaltquellen der Macht saßen, dies aus fadenscheinigen Gründen so wollten. Unter diesen Umständen von einer echten Legitimation der Gemeinschaftsschule zu sprechen, muss zumindest angezweifelt werden.

Diese Schulform ist das Ergebnis von Taktiererei und Parteiklüngel. Sie wird nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen, für die sie verbindlich gemacht wurde.

2012: Das bildungspolitische Schaltjahr

2012 wird ein wichtiges Jahr für alle, die im Saarland am Bildungsprozess beteiligt sind. Durch die Einführung der Gemeinschaftsschule (GemS) zum 1. August müssen die Betroffenen (oder besser: Leidtragenden) sich wieder mit einer gravierenden Schulstrukturreform abfinden: Die Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen werden zu Gemeinschaftsschulen (ähnlich den bisherigen Gesamtschulen) zusammengefasst.

Die Begeisterung für diese Reform hält sich bisher trotz des enormen Werbeaufwands deutlich in Grenzen. Die Leute haben es satt, dass immer wieder am Schulsystem rumgedoktert wird und Bestehendes sich nie ungehindert entwickeln kann, weil mit der nächsten Landesregierung schon wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Die Skepsis gegenüber solchen Schulreformen ist im Saarland tief verwurzelt und hat begründete Ursachen. Eltern, Schüler und vor allem Lehrkräfte wissen, dass alle bisherigen vermeintlichen Reformen noch nie zu wirklichen Verbesserungen geführt haben. Und das ist ja auch kein Wunder, denn dieses hektische Streben nach Veränderung war im hoffnungslos überschuldeten Saarland noch nie wirklich auf die Absicht zurückzuführen, bessere Lernbedingungen und Bildungschancen zu schaffen. Tatsächlich standen immer finanzpolitische Erwägungen im Vordergrund. Alle Änderungen am Status Quo brachten zwar Einsparmöglichkeiten aber letztlich keine besseren schulischen Bedingungen. Durch die Einführung von G 8 (Abitur nach 8 Jahren) kann das Land nun den kompletten Jahrgang 13 einsparen. Selbst die Schließung von einem Drittel aller saarländischen Grundschulen unter dem damaligen Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) sollte als Reform verkauft werden. Einsparpotential bot auch die Abschaffung der Hauptschulen und nicht anders ist nun der Ersatz der Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen durch die Gemeinschaftsschule zu verstehen.

Jedoch der Umbau des dreigliedrigen in ein zweigliedriges Schulsystem ist viel weitreichender und gefährlicher als alle bisherigen Eingriffe. Die Einschränkung der Wahlmöglichkeiten auf zwei Schulformen (Gymnasium und Gemeinschaftsschule) könnte dazu führen, dass noch mehr Eltern mit ihren Kindern dem Saarland den Rücken kehren.

Wir werden uns daher im Entstehungsjahr der GemS verstärkt mit allen Aspekten der neuen Schulform auseinandersetzen. Unser nächstes Thema wird sich mit den Entstehungsbedingungen der Gemeinschaftsschule beschäftigen. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, warum die GemS mit Hilfe der Linken etabliert werden konnte. Danach folgt eine Übersicht über die Startbedingungen und die beabsichtigte Ausgestaltung der GemS.

Im Dateianhang dieses Beitrags finden Sie vorab die schon im Amtsblatt des Saarlandes veröffentlichte neue Schulordnung. Ansonsten bitten wir noch um etwas Geduld …

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Maßvollere Lösung

Geplantes Schulordnungsgesetz ist zumindest ein Fortschritt

Der Entwurf des neuen Schulordnungsgesetzes sieht vor, die bisherige Zweizügigkeitsvorschrift durch die Vorgabe einer Mindestgesamtschülerzahl zu ersetzen. Nach der bisherigen Regelung waren für Grundschulen mindestens zwei und für die weiterführenden Schulen drei Klassen pro Klassenstufe erforderlich (Zwei-/Dreizügigkeit). Künftig gelten für die Klassen 1 bis 4 der Grundschulen 80 Kinder und für die Klassen 5 bis 9 der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen 250 als Untergrenze. Die erst ab dem kommenden Schuljahr entstehenden Gemeinschaftsschulen brauchen diese Mindestschülerzahl erst zum Schuljahr 2016/2017 nachzuweisen. Ihnen bleiben also 5 Jahre Zeit, „um auf der Grundlage eines standortbezogenen pädagogischen Konzeptes für ihr eigenes Profil als Gemeinschaftsschule zu werben“, so Bildungsminister Kessler. Auf diese Weise könnten, abgesehen von zwei Erweiterten Realschulen, alle bestehenden Schulen erhalten bleiben.

Der Entwurf des neuen Schulordnungsgesetzes befindet sich derzeit in der externen Anhörung, die voraussichtlich in der zweiten Oktoberhälfte abgeschlossen sein wird.
Die vorgesehene Regelung ist zumindest ein Fortschritt gegenüber den bisherigen restriktiven Vorschriften, die eigens geschaffen wurden, um seinerzeit die Grundschulschließungen durchführen zu können.
Die ursprünglich geplante Absicht, wie in Rheinland-Pfalz Schulschließungen vom Einverständnis des Schulträgers abhängig zu machen, wurde offensichtlich wieder fallen gelassen.

Schulstrukturdebatte: Bildungsminister Kessler reagiert gereizt

Der Landeselterninitiative für Bildung wird vorgeworfen, gefährdete Schulstandorte in Misskredit zu bringen

Bildungsminister Klaus Kessler reagiert gereizt. Die Landeselterninitiative für Bildung hat in der Samstag-Ausgabe der BILD Saarland eine ganze Reihe von saarländischen Schulen genannt, die nach dem noch geltenden Schulordnungsgesetz in ihrem Bestand gefährdet sind. Kessler wirft der Elternvertretung vor, diese Schulstandorte „durch die namentliche Nennung  zum jetzigen Zeitpunkt unnötigerweise in Misskredit“ zu bringen.

Was soll diese Aufregung? Bereits im August 2009 hat die Elterninitiative eine Liste mit 70 gefährdeten Schulen (23 Grundschulen und 47 Erweiterte Realschulen) veröffentlicht (s. Anhang). Weshalb also diese überzogene Reaktion des Ministeriums zum jetzigen Zeitpunkt?

Die Elterninitiative hat demnach schon frühzeitig auf den Missstand hingewiesen, der es nach unserem geltenden Schulordnungsgesetz immer noch erlaubt, rigoros Schulen zu schließen, wenn sie nicht über zwei aufeinander folgende Jahre durchgängig  an Grundschulen zwei  bzw. an Erweiterte Realschulen drei Jahrgangsklassen bilden können. Unser ehemaliger Ministerpräsident Peter Müller wollte noch vor der letzten Landtagswahl diese Regelung entschärfen. Daraus ist jedoch bis heute nichts geworden.

Es ist verständlich, wenn die Eltern endlich Klarheit darüber haben wollen, wie die saarländische Schullandschaft nach der Zusammenführung von Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen aussehen wird. Denn ganz offensichtlich wurde hier mal wieder im stillen Kämmerlein irgendetwas ausgebrütet, ohne die Betroffenen wirklich mit einzubeziehen. Wie anders lässt sich erklären, dass Kessler, aufgeschreckt durch die Medien, jetzt auf einmal sofort (heute noch) den Entwurf eines neuen saarländischen Schulordnungsgesetzes der Presse vorstellen wird. Man sollte der Landeselterninitiative und auch allen anderen, die von einer Schulneuordnung betroffen wären, nicht zum Vorwurf machen, wenn sie endlich Planungssicherheit wollen.

Wir werden uns den Entwurf des neuen Schulordnungsgesetzes genau anschauen und darüber berichten. Weitere Schulschließungen sind unserer Ansicht nach durchaus möglich. Klaus Kesslers Pressemitteilung vom heutigen Tag lässt nicht Gutes erahnen: Eine „… gleichmäßigere Verteilung der Schülerströme“ soll angestrebt werden. Nach zwei Jahren Jamaika-Regierung würde jetzt auch der Zeitpunkt passen, um noch früh genug vor den nächsten Landtagswahlen in 2014 die unangenehmen Entscheidungen zu verkünden.

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