Zusatzförderung ist keine Inklusion!

Das Saarland will die Inklusion in einem Hauruck-Verfahren einführen. In einem ersten Schritt wurden mit Beginn des nächsten Schuljahrs zunächst die Grundschulen kurzerhand zu Inklusionsschulen erklärt. Als Rechtfertigung für diese spezielle saarländische Vorgehensweise diente stets der Hinweis auf die Praxis der sonderpädagogischem Zusatzförderung, wie sie schon seit vielen Jahren an Grundschulen und Gemeinschaftsschulen (ehemals Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen) gehandhabt wird.

inklusionDazu wird von den zuständigen Bildungspolitikern der Regierungskoalition immer wieder eine Statistik bemüht, wonach 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf schon bisher an Regelschulen unterrichtet würden. Inklusion, so der Tenor, habe demnach bei uns eigentlich schon immer stattgefunden. Tatsächlich hat jedoch die sonderpädagogische Zusatzförderung rein gar nichts mit Inklusion zu tun. Sie betrifft vorwiegend nichtbehinderte Kinder, die zum Zeitpunkt der Einschulung noch Lernrückstände aufweisen, die ausgeglichen werden sollen. Die Schüler erhalten etwa 2 bis 4 Stunden pro Woche eine Art Nachhilfe, die von Förderlehrern durchgeführt wird. Diese Praxis als Inklusion zu bezeichnen wäre jedoch vermessen, denn sie spielt sich meist außerhalb des Klassenverbands ab und betrifft auch nur die problematischen Fächer (in der Regel Deutsch oder Mathematik). Sie entspricht nicht dem, was die UN-Menschrechtskonvention unter Inklusion versteht und kann allenfalls als Integration bezeichnet werden (s. Bild).

Traue nie einer Statistik …
Die 60-Prozent-Statistik verschweigt darüber hinaus, dass gerade im Saarland der Anteil der Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf besonders groß ist. Und sie verdeckt zudem einen besonders peinlichen Tatbestand: Sonderpädagogische Zusatzförderung findet bei uns weniger an den Grundschulen, dafür aber um so häufiger an den weiterführenden Schulen statt. In vielen Fällen werden Kinder mit Lerndefiziten noch irgendwie durch die Grundschulen durchgeschleust. Erst an der weiterführenden Schule, in Klasse 5, stellt sich dann heraus, dass die Lernrückstände viel zu groß geworden sind. Es gibt daher an den Gemeinschaftsschulen inzwischen Klassen, in denen für mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ein Antrag auf sonderpädagogische Förderung gestellt werden muss. Hier werden die schwerwiegenden Mängel im deutschen Bildungssystem mit der verfrühten Trennung der Kinder ab dem 10. Lebensjahr besonders deutlich. Denn Förderung sollte so früh wie möglich einsetzen. Sie wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger.

Es geht nur noch ums Geld
Die Stoßrichtung im Saarland scheint eindeutig: Förderschulen sollen so weit wie möglich abgebaut werden, denn sie sind wegen der kleinen Klassen und der aufwändigen Ausstattung wesentlich teurer als die Regelschulen. Die Inklusion dient dabei als Hebel. Sie soll Förderschulen überflüssig machen, ist dabei aber in erster Linie Mittel zum (Spar-)Zweck. Ihre bildungs- und gesellschaftspolitische Bedeutung steht bei uns erst an zweiter Stelle.

Gemeinschaftsschule stößt auf wenig Gegenliebe

Verhaltene Akzeptanz trotz Werbe-Getöse
Die Eltern sind skeptisch bis ablehnend. Viele melden ihr Kind nur deshalb bei der Gemeinschaftsschule (GemS) an, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Der Ansturm auf das Gymnasium hält auch im Jahr  Eins der GemS unvermindert an. Dagegen konnte auch der ungeheure Werberummel nichts ausrichten. Die großartigen Versprechungen einer neuen Schule „auf Augenhöhe mit dem Gymnasium“, an der auch Abitur gemacht werden kann, hat nicht zu einer Steigerung der Anmeldezahlen geführt. Lediglich die Gesamtschulen verzeichneten teilweise ein leichtes Plus.  Deren Schulleiterinnen und Schulleiter kamen nicht in Erklärungsnot. Sie konnten den Eltern glaubhaft versichern, dass sich am bisherigen Konzept ihrer Schule nicht viel ändern wird, auch wenn sie künftig Gemeinschaftsschule heißt.

Skepsis ist berechtigt
Die Reaktionen sind verständlich. Niemand weiß so richtig, was die künftige Schulform bringt. Zu oft wurde im Saarland schon in das Schulsystem eingegriffen. Stets zum Nachteil der Betroffenen, als Sparmaßnahme unter der Tarnkappe einer Reform.
Die frühzeitige Auflösung der Jamaika-Regierung verstärkt diese Skepsis, denn die Ausgestaltung der GemS wurde damit gewissermaßen auf halbem Wege gestoppt. Die bereits von dem ehemaligen Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne) völlig übereilt eingeführte neue Schulform, muss nun zu allem Übel von der zu erwartenden Großen Koalition aus SPD und CDU nochmal komplett neu verhandelt werden. Es ist ein Rätsel, wie das in der verbleibenden Zeit nach der Wahl geschafft werden soll. Zumal mit einer schnellen Einigung der Koalitionspartner nicht zu rechnen ist. Schließlich konnten die Meinungsverschiedenheiten zum Thema Bildung schon bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD unmittelbar nach dem Bruch der Jamaika-Regierung nicht ausgeräumt werden. Die Bildungspolitik war der Knackpunkt, weswegen sich Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Heiko Maas (SPD) für vorgezogene Neuwahlen entschieden. Damit hatte man das schwierige Thema Bildung erst mal vom Tisch.

Die SPD steht und fällt mit der Bildungspolitik
Für die Saar-SPD wird es zur Existenzfrage, inwieweit sie ihre bildungspolitischen Ziele innerhalb einer großen Koalition durchsetzen wird. Sie hatte im vergangenen Jahr, als es um die Verankerung der GemS in der saarländischen Verfassung ging, die Messlatte  – mit Recht  – sehr hoch angelegt. Da wurde beispielsweise eine verbindliche Klassengröße von 23 gefordert. Das wiederum hieße konkret, dass die Konkurrenzsituation des Saarlandes gegenüber den anderen Bundesländern erheblich verbessert werden müsste, um den so entstehenden zusätzlich Lehrkräftebedarf decken zu können.
Sollte sich die SPD in der kommenden Legislaturperiode jedoch als Helfershelferin einer rigiden Sparpolitik auf Kosten der ohnehin schwachen Bildungsausstattung des Saarlandes erweisen, dürfte für sie nach fünf Jahren großer Koalition nur noch die Rolle des Juniorpartners der CDU übrig bleiben.
Erste Bewährungsprobe wird die im Gesetzgebungsverfahren steckengebliebene Verabschiedung eines neuen Schulordnungsgesetzes sein. Hier geht es darum, schnellstmöglich den noch von Klaus Kessler vorbereiteten Entwurf zu verabschieden, der sich überraschend positiv von dem immer noch gültigen Gesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregentschaft unterscheidet. Damals wurde das Schulordnungsgesetz nach der Maßgabe gestrickt, möglichst einfach Schulen schließen zu können. Sollte die Verabschiedung des Kessler-Entwurfs nach der Regierungsbildung weiterhin hinausgezögert werden, wissen wir schon bald, wo die Reise hin geht …

Kessler preist sich selbst

Noch-Bildungsminister Kessler singt eine Lobeshymne auf sich selbst. Es sind zunächst die Schulleiterinnen und Schulleiter, von denen er sich nach dem Bruch der Jamaika-Koalition verabschiedet, nicht ohne die Verdienste seiner Amtszeit in den höchsten Tönen zu preisen. SZ-Redakteur Norbert Freund setzt am nächsten Tag noch eins drauf und widmet Kesslers Werk in der Samstagausgabe einen sehr schmeichelhaften Nachruf, der die beschönigte Bilanz des Bildungsministeriums unreflektiert wiederholt.
Es hat fast den Anschein, als wolle der ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dieser Außendarstellung seinen Seitenwechsel noch nachträglich rechtfertigen.
Doch was wurde mit diesem zweijährigen Intermezzo eines Gewerkschafters wirklich erreicht? Die Antwort ist ganz simpel: Dem Saarland fehlt jetzt mehr denn je eine starke GEW-Führung. Dafür hat es aber eine Gemeinschaftsschule (GemS), die niemand in der geplanten Form ernsthaft wollen kann. Das ist die nüchterne Bilanz.

Wir werden uns nicht an der gezielt eingesetzten Lobhudelei beteiligen. Sicher gab es in der  Amtszeit Klaus Kesslers auch positive Aspekte, wie beispielsweise die Abkehr von dem restriktiven Schulordnungsgesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregierung. Doch gerade mit der Einführung der Gemeinschaftsschule, der wohl wichtigsten Reform dieser Jamaika-Regierung, hat sich der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende zum Helfershelfer der Kaputtsparer gemacht, zum Erfüllungsgehilfen derer, die er vorher auf`s Schärfste kritisiert hat.

Wir fassen daher die wesentlichen Kritikpunkte zur Gemeinschaftsschule hier nochmals in sieben Punkten kurz zusammen:

1. Missachtung des Elternwillens

Eltern haben jetzt gewissermaßen nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Können oder wollen sie ihre Kinder nicht am Gymnasium anmelden, müssen sie die Gemeinschaftsschule nehmen. Damit sind sie gezwungen, sich auf eine abgespeckte Form der bisherigen Gesamtschule einzulassen, wenn sie nicht in ein anderes Bundesland umziehen wollen. Und das ist um so problematischer, weil die jetzige Gesamtschule im Saarland seit ihrer Entstehung starke Qualitätseinbußen hinnehmen musste.

2. Soziale Benachteiligung wird zementiert

Die Einführung der Gemeinschaftsschule ändert nichts an dem unsozialen Ausleseprinzip unseres Schulsystems. Die Kinder werden nach wie vor bereits mit 10 Jahren aussortiert und auf die weiterführenden Schulen verteilt. Es macht keinen Unterschied, ob es sich dabei um ein dreigliedriges oder jetzt nur noch zweigliedriges System handelt. Zudem besteht die Gefahr, dass sich die Gemeinschaftsschule zu einer einzigen großen Restschule entwickeln könnte.

3. Das Märchen vom „längeren gemeinsamen Lernen“

Die Behauptung, die Gemeinschaftsschule würde längeres gemeinsames Lernen ermöglichen, ist die schlimmste aller Lügen. In Deutschland lernen Kinder gerade mal in der Grundschule über einen längeren Zeitraum gemeinsam. Das sind in der Regel vier Jahre. Anschließend ist Schluss mit dem gemeinsamen Lernen. Es folgen zwei Jahre Klassenunterricht in einer neuen Schule mit anderen Lehrern und fremden Mitschülern. Danach wird die gerade abgeschlossene neue Klassenbildung wieder ausgehöhlt durch den ständigen Wechsel der Lerngruppen zwischen Klassen- und Kursunterricht.

4. Die Gemeinschaftsschule ist ein Instrument der Schuldenbremse

Die Zusammenfassung der beiden bisherigen Schulformen Erweiterte Realschule und Gesamtschule schafft ideale Voraussetzungen für Einsparungen bei der Bildung. Sie vereinfacht die Verwaltung. Auf diese Weise kann beispielsweise die Entstehung kleiner Klassen wirksamer verhindert und damit Personal eingespart werden. Da Schulstrukturreformen im Saarland bisher immer finanzpolitisch motiviert waren, ist diese Absicht angesichts der auferlegten Schuldenbremse geradezu offensichtlich.

5. Undurchdachtes Konzept und übereilte Umsetzung

Es gibt für die schwierige Einführungphase der GemS keine zusätzlichen Lehrerstunden wie beispielsweise seinerzeit noch für den Aufbau der Gesamtschulen. Das trifft die Erweiterten Realschulen besonders hart, weil dort die Umstellung wesentlich mehr Veränderungen mit sich bringt als an den Gesamtschulen. Problematisch ist zudem die Unterrichtsverteilung in Klasse 5 und 6. Die Schülerinnen und Schüler, in der Mehrzahl mit Hauptschulniveau, müssen sich mit zwei Fremdsprachen herumschlagen, obwohl ihnen bereits im Fach Deutsch die Grundlagen fehlen. 6 Stunden für Englisch und Französisch, dazu 1 Stunde für das (unverständlicherweise) isoliert vermittelte Fach „Lernen lernen“. Jedoch für Deutsch und Mathematik, wo erfahrungsgemäß die größten Defizite bestehen, sind jeweils nur 4 Stunden vorgesehen (am Gymnasium 6).

6. Aufgeblähte Verwaltung

Die Schulen müssen den Zeitpunkt und die Form der Leistungsdifferenzierung teilweise selbst festlegen. Diese Verpflichtung wird als „Stärkung der Eigenständigkeit“ propagiert, erhöht aber noch zusätzlich die in den letzten Jahren schon enorm gestiegenen schulischen Verwaltungsaufgaben. Sie hat zudem mit Eigenständigkeit nicht viel zu tun, da die Beschlüsse der Schulen letztlich doch noch vom Ministerium abgesegnet werden müssen. Dort wird nämlich nur zugestimmt, wenn sich alles im finanziellen Rahmen bewegt.

7. Das Märchen von der „Augenhöhe mit dem Gymnasium“

Das wichtigste „Verkaufsargument“ für die GemS ist die Garantie aller Schulabschlüsse einschließlich des Abiturs. Schon bisher konnten Schülerinnen und Schüler von ERS und Gesamtschulen mit entsprechendem Notenbild nach Klasse 10 an die Oberstufe eines Gymnasiums oder eines Oberstufen-Verbunds aus mehreren Gesamtschulen wechseln und nach 9 Jahren Abitur machen. Geschafft haben das immer nur wenige, bestenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs (ausgehend von Klasse 5). Insbesondere die Gesamtschulen haben daher alles daran gesetzt, um diesen Anteil zu erhöhen und sich damit als echte Alternative gegenüber dem Gymnasium darstellen zu können. Dennoch bleibt der Weg zum Abitur über G 9 schwierig. Angesichts der zahlenmäßig weit überwiegenden Haupt- bzw. Mittlere-Reife-Schüler können die potentiellen Abiturienten zumindest bis Klasse 10 nur unzureichend auf die Oberstufe vorbereitet werden. Deren Fördermöglichkeiten sind einfach zu gering. Beim Übergang an eine gemeinsame Oberstufe der Gesamtschulen wird diesem Umstand in Klasse 11 noch irgendwie Rechnung getragen. Erfolgt hingegen der Wechsel an die Oberstufe eines Gymnasiums (mit Wiederholung der Klasse 10 wegen G 8), hat man als Gemeinschaftsschüler(in) deutlich schlechtere Karten. Da trifft es sich schlecht, dass ein Großteil der bisherigen Erweiterten Realschulen das Abitur nur im Verbund mit dem nächstgelegenen Gymnasium realisieren kann. Bis allerdings die ersten Gems-Klassen aus Jahrgang 2012/2013 soweit sind, gehen ja noch einige Jährchen ins Land. Darüber soll sich dann – gemäß alter saarländischer Tradition – der nächste oder übernächste Bildungsminister Gedanken machen …

Die Geburt der Gemeinschaftsschule

Anmerkung der Redaktion:
Der nachfolgende Beitrag wurde verfasst, unmittelbar bevor Ministerpäsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) die Jamaika-Koalition am heutigen Freitag auflöste. Er gewinnt dadurch ein anderes Gewicht, verliert aber nicht seine Bedeutung.

Wie alles anfing
Wir gehen zurück in den Herbst 2009. Das Geschäft war erfolgreich abgeschlossen. Hartmut Ostermann konnte sich die Hände reiben. Der Deal mit den Grünen hatte wie geplant funktioniert. Hubert Ulrich konnte mit Hilfe von Leihstimmen aus der SPD die 5-Prozent-Hürde überwinden, entschied sich dann jedoch für Schwarz-Gelb und schickte die SPD in die Opposition. Die Jamaika-Regierung war geboren.
Der Grüne Klaus Kessler, vorher 17 Jahre lang Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, wurde Bildungsminister. Er scheute nicht davor zurück, nun genau die Rolle zu verkörpern, die er  fast 2 Jahrzehnte lang heftigst kritisiert hatte.
In dieser Situation war es für die ins Zwielicht geratenen Grünen wichtig, bei den Wählern den Eindruck zu erwecken, dass mit dem neuen Bildungsminister und ehemaligen Gewerkschafter Kessler nun eine Trendwende in der saarländischen Bildungspolitik eingeleitet werde. Doch darauf warten wir bis heute vergeblich. Das stümperhafte und wohl auch nicht ernst gemeinte Projekt 5. Grundschuljahr ist mittlerweile erwartungsgemäß gestorben. Und mit der Gemeinschaftsschule sah es zunächst nicht viel anders aus. Obwohl fleißig die Werbetrommel gerührt wurde und der Bildungsminister allerorts die Vorzüge der neuen Schulform pries, war die Resonanz beim Publikum sehr bescheiden. Zudem wurde das Konzept der GemS von der Opposition zerrissen. Vor allem die Saar-SPD meldete starke Bedenken an. Und auch bei den Linken überwog die Kritik. Die GemS schien schon gestorben, nachdem es die SPD schließlich endgültig ablehnte, der erforderlichen Verfassungsänderung zuzustimmen (im Saarland müssen Schulformen seltsamerweise in der Verfassung festgeschrieben werden). Die breite Front der GemS-Gegner konnte aufatmen. Niemand verschwendete zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit, dass die GemS mit Hilfe der Linken doch noch Wirklichkeit werden könnte. Zwar verhandelte die Jamaika-Regierung nun erstmals auch mit den Vertretern der Links-Partei (beim Thema 5. Grundschuljahr lehnte sie das noch kategorisch ab), aber niemand rechnete mit einer Übereinkunft. Dann der Paukenschlag: Oskar Lafontaine, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, verkündete, dass seine Partei der für die Entstehung der GemS notwendigen Verfassungsänderung zustimmen werde.

Die Bedingungen der Linken
Bedingung für die Zustimmung der Linken war insbesondere die Zusage Kesslers, den Unterrichtsausfall durch die Schaffung einer zusätzlichen Lehrerfeuerwehr abzubauen.
„Weniger Unterrichtsausfall“ klingt gut, ist eine griffige Formel. Dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben. Doch wie so oft in der Politik nützen die schönsten Ziele nichts, wenn man sich um deren Umsetzung zu wenig Gedanken macht.
Inzwischen hat das Saarland schon große Schwierigkeiten damit, allein die unbedingt erforderlichen Lehrkräfte aufzutreiben. Ein großer Teil des Bedarf wird durch prekäre Arbeitsverhältnisse abgedeckt. Der Anteil des Unterrichts, der durch Referendare und Hilfskräfte ohne Lehrerausbildung erteilt wird, nimmt rasant zu. Gut ausgebildete Lehrkräfte überlegen sich, ob sie im Saarland bleiben, wo Bezahlung und Arbeitsbedingungen durchweg schlechter sind als in anderen Bundesländern. Den für die Vermeidung des Unterrichtsausfalls erforderlichen Mehrbedarf kann die Landesregierung nur abdecken, wenn sie mehr Geld in die Hand nimmt und den Lehrerberuf attraktiver macht. Doch bis jetzt ist das Gegenteil der Fall: Niedrigere Eingangsbesoldung, bundesweit die größten Klassen, schlechte Aufstiegschancen, eine fehlende Altersteilzeitregelung – das alles nimmt nur in Kauf, wer unbedingt hier bleiben muss.

Was macht die Lehrerfeuerwehr?
Natürlich wird eine Lehrerfeuerwehr (sofern es sie überhaupt geben wird) dabei helfen, Unterrichtsausfall zu vermeiden. Das ist jedoch eine rein statistische Aussage. Der Unterricht hat dann stattgefunden, d.h. es steht etwas im Klassenbuch. Eltern und Schulleitung sind beruhigt.
Feuerwehrlehrkräfte sind anfangs meist befristet beschäftigt und haben an der Schule denkbar miese Arbeitsbedingungen. Sie müssen damit rechnen jeden Tag in anderen Klassen und Kursen den „Ausputzer“ zu spielen. Wenn sie Glück haben, kriegen sie eine Klasse über einen längeren Zeitraum (z.B. bei Schwangerschaftsvertretung). Oft handelt es sich jedoch um kurzfristige Vertetungen, wenn mal gerade jemand krank ist oder auf Fortbildung u.ä. Sinnvoller Unterricht kann auf diese Weise nicht stattfinden. Es gibt keine Kontinuität im Stoff und die Schüler nehmen die Aushilfskräfte oft nicht ernst.
Ob die Lehrerfeuerwehr überhaupt kommt, steht zudem noch in den Sternen. Die dafür vorgesehenen 50 zusätzlichen Stellen sollen nämlich im neuen Haushalt aus dem schon vorhandenen Stellenkontingent entnommen werden. Schon hier besteht der Verdacht, dass die Linke ausgetrickst werden soll, nachdem die Verfassungsänderung unter Dach und Fach ist.

Die Klassengröße ist wichtig
Völlig unverständlich ist auch, warum bei den Verhandlungen der Linken mit Kessler die Klassengröße nicht angetastet wurde. Lehrkräfte, die an Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen unterrichten, kämpfen seit Jahren mit einer zunehmenden Zahl verhaltensauffälliger und disziplinloser Schüler. Kleine Klassen, in denen solche Kinder ihr negatives Verhalten kaum entfalten können, werden deshalb zum entscheidenden Qualitätsmerkmal für erfolgreichen Unterricht. Wenn natürlich in einer Klasse 30 disziplinierte und gut erzogene Kinder sitzen (der absolute Ausnahmefall), spielt die Klassengröße keine wesentliche Rolle. Politiker sollten endlich aufhören, die Bedeutung der Klassengröße herunterzuspielen. Die Linke arbeitet damit nur den Konservativen in die Hände, die immer wieder durch zweifelhafte Quellen nachweisen wollen, dass die Anzahl der Schüler nicht ausschlaggebend ist. Es gibt natürlich immer Lehrkräfte, die sich auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen damit profilieren, wie gut sie das mit den vielen Kindern hinkriegen.

Politische Taktik
Man muss daher davon ausgehen, dass die Unterstützung der Gemeinschaftsschule durch die Linke nichts anderes war als ein taktischer Schachzug. Es ging nicht um die Sache, sondern darum, sich von dem Klischee der Neinsager-Partei zu befreien, „Regierungsfähigkeit“ zu demonstrieren. Wahrscheinlich spielten auch noch andere Gründe eine Rolle. Vielleicht eine vorsichtige Annäherung an die Grünen als möglichen künftigen Koalitionspartner. Man darf spekulieren. Jedenfalls hat die Linke mit dieser Entscheidung all` denen einen Bärendienst erwiesen, die sich künftig mit den Bedingungen einer verkorksten, undurchdachten und hektisch umgesetzten Gemeinschaftsschule rumschlagen müssen. Ob sich das politisch auszahlt, darf bezweifelt werden.

Die Gemeinschaftsschule: Überblick und Kritik

Die Gemeinschaftsschule ist eine Gesamtschule mit Abstrichen
Bildungsminister Kessler hat am 2. November mit dem Entwurf einer Schulordnung der Öffentlichkeit erstmals die Details der Gemeinschaftsschule (GemS) vorgestellt. Die neue Schulform, so die offizielle Lesart, solle den betreffenden Schulen die Möglichkeit bieten, sich je nach Wunsch inhaltlich und pädagogisch mehr an der Erweiterten Realschule (ERS) oder an der Gesamtschule auszurichten. Eine solche Wahlmöglichkeit ist jedoch definitiv nicht vorhanden. Die GemS ist, mal abgesehen von wenigen kleinen Abweichungen, nahezu identisch mit der Gesamtschule. Das ist auch kein Wunder, denn die Gesamtschule war immer schon das Lieblingskind von Klaus Kessler. Schon in seiner Amtszeit als Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war in der GEW das Thema Gesamtschule ein absolutes Tabu-Thema. Niemand sollte und durfte daran rütteln. Obwohl Kessler als GEW-Vorsitzender die vielen Einschränkungen und Restriktionen, mit denen die Gesamtschule im Laufe der Jahre konfrontiert wurde, deutlich wahrgenommen hat, soll jetzt eine neue Schule mit wesentlich größerem Adressatenkreis nach diesem Muster entstehen. Und alle Eltern, deren Kinder nicht ans Gymnasium gehen sollen oder können, haben in Zukunft keine andere Wahl. Das ist eine klare Missachtung des Elternwillens, zumal es im Saarland noch 51 Erweiterte Realschulen gibt und die Gesamtschule lediglich 18 Standorte aufweist.

Differenzierung als Notlösung
Schulzweige für bestimmte Abschlüsse wie an der ERS (H-Klassen, M-Klassen) werden ab dem Schuljahr 2014/2015 nicht mehr entstehen. Der Klassenverband bleibt ab dem nächsten Schuljahr durchgängig in den Klassen 5 bis 9 erhalten. Erst in Klasse 10 wird neu „gemischt“, nachdem die Hauptschulabsolventen die Schule verlassen haben. Den unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen in den Klassen (mindestens 50 Prozent Hauptschulniveau) soll nun durch die sogenannte äußere Fachleistungsdifferenzierung Rechnung getragen werden. Das heißt, ab Klasse 7 werden in den Hauptfächern nach und nach Kurse mit verschiedenen Leistungsanforderungen eingerichtet. Ab dann findet in täglichem Wechsel Unterricht statt in drei verschiedenen Gruppen: Grundkurse (Leistungschwächere), Erweiterungskurse (Leistungsstärkere) und Klassenuntericht. 

Der Klassenverband wird also wegen des Kursunterrichts in der Woche mehrmals auseinandergerissen. Viele kritisieren das. Die Richtlinien der Kultusministerkonferenz für Gemeinschaftsschulen lassen jedoch keinen großen Spielraum. Lediglich im Fach Deutsch kann die äußere Fachleistungsdifferenzierung  entweder früher oder später einsetzen (Klasse 7 oder Klasse 8). In Biologie und einem der beiden Fächer Chemie oder Physik kann sie auch ganz entfallen. 

Um den Leistungsunterschieden im Klassenunterricht zu begegnen soll es demgegenüber auch eine innere Differenzierung geben. Also ein gruppenbezogener Unterricht auf verschiedenem Anspruchsniveau innerhalb der Klasse. Auch hier sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert. Denn innere Differenzierung (auch Binnendifferenzierung genannt) funktioniert in der Regel nur in kleineren Klassen. Doch die wird es an der Gemeinschaftsschule aller Voraussicht nach nicht geben, weil sich an den Höchstgrenzen nichts geändert hat. Diese liegen nach wie vor bei 29 Schülern in Klasse 5 und können später sogar noch steigen. Für die Binnendifferenzierung in den Hauptfächern ist nach bisherigen Erfahrungen sogar eine Lehrerdoppelbesetzung pro Klasse erforderlich.

Organisatorisches Chaos
Die hier nur kurz umrissenen Schwierigkeiten lassen schon erahnen, welches organisatorische Chaos in den nächsten Jahren auf die Schulen zurollt:

  • Unterrichtspläne können nicht mehr nach pädagogischen Gesichtspunkten erstellt werden (z.B. Sport möglichst in den letzten beiden Stunden). 
  • Die Springstunden häufen sich. 
  • Teilzeitlehrkräfte müssen oft auf ihren freien Tag verzichten.

Zuviele Maßgaben sind zu berücksichtigen. Das komplexe Kurssystem und vor allem der Oberstufen-Einsatz der Lehrkräfte sorgen für große Verwerfungen im Stundenplan. Die Oberstufen arbeiten im Verbund mit mehreren Gemeinschaftsschulen zusammen und sind in der Mehrzahl der Fälle nicht vor Ort. Die Unterrichtsplanung muss daher zusätzlich mit der jeweiligen Oberstufenschule abgeglichen werden.

Für die Lehrerkollegien an den Gesamtschulen wird sich nicht viel ändern. Sie sind diese Zustände gewohnt. Doch die Lehrkräfte und Schulleitungen der Erweiterten Realschulen werden sich erheblich umstellen müssen. Stundenermäßigungen für die Einarbeitung in die neue Schulform, wie das noch bei der Einführung der Gesamtschule der Fall war, sind bis jetzt nicht vorgesehen. Auch über die personelle Ausstattung mit Sozialarbeitern und anderen schulischen Hilfskräften liegen noch keine Angaben vor.

Doch das Ministerium setzt noch eins drauf: die Schulen werden jetzt gewissermaßen zu mehr Eigenständigkeit „verdonnert“. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie beispielsweise im Fach Deutsch schon in der 7. Klasse Kurse haben wollen oder erst in Klasse 8. Sie sollen entscheiden, ob für die angehenden Oberstufenschüler schon in der 9. Klasse oder erst in Klasse 10 Aufbaukurse eingerichtet werden und vieles mehr. Darüber beschließen muss die Schulkonferenz (mit Zweidrittelmehrheit) auf Vorschlag der Gesamtkonferenz – also ein äußerst komplexes und zeitaufwändiges Verfahren. Das alles soll die „Eigenständigkeit“ und „Selbständigkeit“ der Schulen stärken. Es geht aber wohl mehr darum, Aufgaben des Ministeriums auf die Schulen abzuwälzen. Zudem sichert sich die Schulverwaltung auf diese Weise ein hohes Maß an Flexibilität. Denn starre Vorgaben könnten zusätzliche Kosten verursachen. Wären z.B. in der 9. Klasse Aufbaukurse zwingend vorgeschrieben, müssten diese natürlich auch eingerichtet werden, wenn die Schülerzahl sehr gering ist, was wiederum vorteilhaft wäre für Schüler und Lehrer.  Fazit: Die Schulen sollen sich erst mal überlegen, was sie wollen, und dann wird entschieden, ob sie das auch dürfen. Und anstatt Wege zu finden, wie der ausufernde Verwaltungsaufwand reduziert werden kann, wird dem Ganzen noch eins drauf gesetzt.

Wir bleiben dabei: Das bisherige Konzept der Gemeinschaftsschule dient in erster Linie dem Ziel, Ressourcen einzusparen. Die saarländische Linke hätte sich niemals auf diesen faulen Kompromiss einlassen dürfen!

[download id=“16″]