Zur Lehrersituation im Saarland (Teil 2)

Lehrer haben keine Lobby

Haben eigentlich die Lehrer im Saarland schon mal gestreikt? Ich kann mich nicht erinnern. Gründe für den Arbeitskampf gäbe es genug. Wer im Saarland Lehrer wird, muss damit rechnen, in den ersten Berufsjahren bei geringer Lohneinstufung mit Teilzeit- oder befristeten Verträgen abgespeist zu werden. Das Saarland gehört außerdem bundesweit zu den Schlusslichtern, was Klassengrößen und Lehrerarbeitszeit angeht. Kein anderes Bundesland gibt so wenig für seine Schüler aus. Auch der Anteil schwieriger und verhaltensauffälliger Kinder ist überdurchschnittlich hoch.
Die Lehrkräfte schimpfen viel über ihre Arbeitsbedingungen, doch sie tun es meist nur untereinander oder hinter vorgehaltener Hand. Ändern tut sich nichts. Von Streit- bzw. Streikkultur ist an saarländischen Schulen wenig zu spüren.

Miserable Angestelltenverträge oder Verbeamtung?
Diese Zurückhaltung hat jedoch nichts mit Duckmäusertum zu tun. Sie beruht auf ganz konkreten und nachvollziehbaren Ursachen. Der Hauptgrund liegt auf der Hand: 90 Prozent aller saarländischen Lehrer sind Beamte. Sie dürfen nicht streiken. Nebenbei bemerkt: Hier verstoßen die Bundesländer eindeutig gegen geltendes EU-Recht, das Beamten ausdrücklich ein Streikrecht gestattet.
Die verbleibenden 10 Prozent der Lehrkräfte arbeiten daran, ebenfalls verbeamtet zu werden. Sie wollen verständlicherweise so schnell wie möglich aus dem schlecht bezahlten Angestelltenverhältnis rauskommen. Der Unterschied zum Beamtengehalt beträgt bei einer Vollzeit-Stelle mindestens 600 Euro netto. Die Angestelltenverträge des Landes sind zudem in den meisten Fällen Teilzeitverträge, die so schlecht bezahlt sind, dass man davon keine Familie ernähren kann. Wer würde unter diesen Umständen das Risiko eingehen, sich bei der Schulleitung oder beim Ministerium unbeliebt zu machen? Nein, es wird alles geschluckt: die schlechte Bezahlung, der chaotische Stundenplan, der Einsatz in den schlimmsten Klassen.
Glücklich können sich allenfalls diejenigen schätzen, die sogenannte Mangelfächer unterrichten. Das sind Fächer, für die dringend Lehrer gebraucht werden. Solche Lehrkräfte werden oft schon direkt mit einer Verbeamtung eingestellt. Andere müssen warten und hoffen, oft jahrelang. Alles hängt vom Wohlwollen der Landesregierung ab. Hat man die Verbeamtung dann endlich geschafft, verbessert sich zwar die wirtschaftliche Situation, doch damit werden dann auch endgültig alle Möglichkeiten der Selbstbestimmung hinfällig. Nur noch der Staat entscheidet. Arbeitszeitverlängerungen, Lohnkürzungen, Nullrunden, steigende Selbstbeteiligungen bei den Krankheitskosten, Zwangsversetzungen, das alles kann gegen den Willen der Betroffenen verfügt werden. Die Gewerkschaften werden zwar ihren Widerstand anmelden und versuchen, die schlimmsten Nachteile abzumildern. Aber ihre wirksamste Waffe, der Streik, kann nicht eingesetzt werden. Auf diese Weise konnte das Saarland beispielsweise in den letzten 20 Jahren bereits drei mal ohne nennenswerten Widerstand die Lehrerarbeitszeit erhöhen.

Gewerkschaften und Parteienfilz
Die Interessen der Lehrkräfte werden im Saarland durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie den Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) vertreten. Um allerdings wirklich etwas bewegen zu können, wäre es nötig, dass beide an einem Strang ziehen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ideologisch verblendet, sieht jeder den anderen vor allem als Konkurrent und man wird nicht müde, sich gegenseitig Unfähigkeit oder Tatenlosigkeit vorzuwerfen. Hier wird das geradezu unerträgliche Parteiengeklüngel in unserem kleinen Bundesland ganz offensichtlich. Die GEW neigt stark zu SPD, der SLLV eher zum konservativen Lager. Daraus entsteht eine irrwitzige Situation: Je nach dem, von welcher Partei das Bildungsministerium geführt wird, schweigt entweder der SLLV oder die GEW. Es fällt auf, dass unter der großen Koalition mit einem SPD-Bildungsminister von der GEW nicht mehr viel zu hören ist. Stellungnahmen zu brisanten Themen werden vermieden. Die meisten Verlautbarungen sind nach folgendem Muster gestrickt: „Wir begrüßen die Entscheidung des Bildungsministers, aber …“ Dann folgen ein paar laue Vorbehalte und – nicht zu vergessen – die abschließende Bemerkung, in der noch die eingeschlagene Richtung gelobt wird. Was hier jedoch einzig und allein stimmt, ist die Parteirichtung. Denn nun ist auf einmal die Rückkehr zu G9 „nicht mehr angebracht“ und es gibt auch nur verhaltene Einwände gegen die Einführung der Inklusion mit der Brechstange

Eine Schulpolitik von oben herab nach preußischem Muster und Gewerkschaften als zahnlose Tiger, verfangen im Gestrüpp des Parteienfilz, sind die schlechtesten Voraussetzungen für die Entstehung guter Bildung. Die Schulen werden von einer Bürokratie verwaltet, die in erster Linie die rigiden Sparvorgaben der Politik umsetzen muss. Klassengröße, Lehrereinsatz, Lerninhalte und Fächerkanon sind strengen Richtlinien unterworfen. Die Lehrkräfte können ihre Arbeitsbedingungen nicht selbst bestimmen, obwohl sie am besten wissen, was nötig wäre. Sie wissen nie genau, was auf sie zukommt und müssen zu Beginn jedes neuen Schuljahrs damit rechnen, dass ihnen wieder neue Aufgaben und Verpflichtungen auferlegt werden. Die längst fällige Wende in der saarländischen Schulpolitik kann nur von innen heraus gelingen. Doch davon sind wir Lichtjahre entfernt.

An der falschen Stelle gespart

GEW Saar will Einsparungen bei den Lehrkräften stoppen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Landesverband Saar, fordert die saarländische Landesregierung auf, die Sparbeschlüsse zur Besoldung der Lehrkräfte zurückzunehmen.
Die verordnete Nullrunde bei den Landesbeamten und die Absenkung der Eingangsbesoldung neuer Lehrkräfte habe, so GEW-Landesvorsitzender Peter Balnis, bereits zu einer starken Abwanderungstendenz geführt.

Allein an den Berufsschulen sollen etwa 25 Prozent aller Bewerberinnen und Bewerber die angebotene Stelle im Saarland ausgeschlagen haben, um in ein anderes Bundesland mit besseren Arbeitsbedingungen wechseln zu können.

Bildungsminister Klaus Kessler, der sich als GEW-Amtsvorgänger von Peter Balnis seinerzeit noch vehement gegen die Kürzung der Eingangsbezüge bei den Realschullehrern wendete, erkennt zwar das Problem, hält jedoch eine Nachbesserung höchsten bei den Berufsschullehrkräften für machbar.

Indessen spitzt sich die Situation an den Schulen immer mehr zu. Laut Angaben des Ministeriums sind zur Zeit 36 Lehrkräfte ohne Lehrerausbildung im Einsatz. Für die Förderschulen arbeiten teilweise sogar Studentinnen und Studenten. Hinzu kommen Quer- und Seiteneinsteiger und vor allem die völlig unangemessene Inanspruchnahme von Referendarinnen und Referendaren (wir berichteten). Die unbefriedigende Personalsituation verschlechtert die Arbeitsbedingungen an den Schulen zusehends. Vertretungsstunden häufen sich an. Lehrkräfte werden immer stärker fachfremd eingesetzt, müssen also irgendwo eine Lücke stopfen in einem Unterrichtsfach, das sie nicht studiert haben. Es macht sich auch die Tendenz bemerkbar, dass die Lehrerinnen und Lehrer, die ja für zwei Fächer ausgebildet sind, vorwiegend in dem arbeitsintensiveren unterrichten müssen. Ein ausgewogenes Verhältnis ist hier schon lange nicht mehr möglich. Herrscht beispielsweise an einer Schule Mathematiklehrermangel, müssen die Mathe-Lehrer damit rechnen, ausschließlich im Fach Mathematik eingesetzt zu werden. Das zweite Fach, meist mit geringerem Korrektur- und Prüfungsaufwand verbunden, bleibt außen vor.

Unterdessen wächst auch der Druck durch zusätzliche Verpflichtungen. Die Gemeinschaftsschule, die im nächsten Schuljahr an den Start gehen soll, muss vorbereitet werden. Auch die Schaffung eines inklusiven Schulsystems mit einem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern steht auf der Tagesordnung.
Unter solchen Umständen eine Nullrunde zu verordnen, lässt die nötige Wertschätzung der wichtigen und schwierigen Tätigkeit von Lehrkräften vermissen, zeugt von Ignoranz und Kurzsichtigkeit. Eine Nullrunde ist eine Lohnkürzung, weil nicht einmal die Inflationsrate von zur Zeit 2,5 Prozent ausgeglichen wird. Ein um 350 € reduziertes Eingangsgehalt ist nicht gerade ermutigend für junge Menschen, die vielleicht eine Familie gründen wollen. Das Saarland hat bundesweit die niedrigste Geburtenrate. Wen wundert´s noch?