Junglehrer im Saarland

Wer seine Lehrerausbildung abschließen darf, soll sich freuen

Bildungsminister Klaus Kessler hob anlässlich der Ernennung von 162 Referendarinnen und Referendaren für den saarländischen Schuldienst hervor, er werde die sogenannte „demographische Rendite nutzen, um sämtliche frei gewordenen Referendariatsstellen neu zu besetzen“. Soll das ein Verdienst sein? Wohl eher eine Verpflichtung, wie wir meinen. Es geht hier nicht um die Wiederbesetzung von Stellen, sondern darum, dass das Land alles dafür tun muss, um seiner Ausbildungsverpflichtung nachzukommen. Jeder, der an der Universität ein Lehrerstudium abgeschlossen hat, hat ein Anrecht auf eine Referendariatsstelle. Wenn in diesem Zusammenhang von frei gewordenen Stellen die Rede ist, kann man erahnen, in welche Schieflage die Personalsituation an den Schulen inzwischen geraten ist.

Denn tatsächlich gibt es im Saarland viel zu wenig Lehrerausbildungsplätze. Die jungen Leute müssen nach ihrem Studium oftmals 2 Jahre warten, um endlich nach weiteren zwei Jahren ihren Lehrerabschluss machen zu können. Wer flexibel ist, wird sich daher außerhalb des Saarlandes bewerben, wo noch dazu die Chancen größer sind, später direkt eine Beamtenstelle  bzw. ein besseres Einstiegsgehalt als Angestellter zu bekommen. Das Saarland nutzt diese Wartezeit, um die angehenden Lehrerinnen und Lehrer mit Billigjobs zu halten. Sie kriegen einen 18-Stunden-Vertrag in der niedrigsten Lohngruppe und müssen dafür an den Schulen die Löcher stopfen. Und dabei sind die Schulleitungen ganz gewiss nicht zimperlich. Nicht selten werden die Neulinge ausschließlich in einem Hauptfach eingesetzt. 18 Wochenstunden Deutsch für einen Einsteiger – auf diese Weise wird vielen schon am Anfang ihrer Lehrerkarriere die Lust am Job vergehen.

Um in diesem schwierigen Beruf bestehen zu können, ist eine behutsame und fundierte Einführung unumgänglich. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Fehler verfestigen, die einem später das Lehrerdasein schwer machen. Um das zu vermeiden, gibt es das Referendariat. Doch endlich dort angelangt, wird man auch hier erst mal mit einer geringen Ausbildungsvergütung als vollwertige Lehrkraft eingeplant: Referendarinnen und Referendare müssen in ihrer zweijährigen Ausbildung vom ersten Tag an bis zu 14 Wochenstunden Unterricht halten. Oft noch mit wechselnden Einsatzorten an mehreren Schulen. Die meisten Schulleitungen haben sie schon zu Beginn des Schuljahres fest in ihre Personalplanung eingebaut. Neben dem „normalen“ Unterricht stehen sie während der beiden Ausbildungjahre zusätzlich unter einem permanenten Prüfungsdruck durch Lehrproben, eine mündliche Abschlussprüfung und die Anfertigung einer zweiten Staatsarbeit.

Das Saarland spart trotz Lehrermangel bei der Lehrerausbildung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Landesverband Saarland, hat anlässlich des aktuellen Einstellungstermins für Referendare im Saarland zum 1. Februar 2009 die Einstellungspolitik der saarländischen Kultusministerin scharf kritisiert. Von insgesamt 80 Bewerberinnen und Bewerbern für einen Referendarplatz haben nur 24 Junglehrer einen Ausbildungsplatz im Studienseminar für das Lehramt Realschule und Gesamtschule erhalten.

GEW-Landesvorsitzender Klaus Kessler kritisiert dies mit den Worten: „Wir haben drastischen Lehrermangel im Saarland, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und sprachlichen Fächern. Wenn von den Bewerberinnen und Bewerbern nur ein Drittel einen Ausbildungsplatz im Saarland bekommt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese in andere Bundesländer abwandern. Es ist ein Skandal, wie in diesem Land mit dem zukünftigen Lehrernachwuchs umgegangen wird.“ Die GEW, so Kessler, reklamiere schon seit Jahren die zu geringe Zahl von Ausbildungsplätzen im Seminar für das Lehramt an Realschulen und Gesamtschulen, ohne dass eine Verbesserung eingetreten wäre. Immerhin hätten die angehenden Lehrer einen Rechtsanspruch auf einen Referendarplatz, der zwar nicht für die Zeit unmittelbar nach dem ersten Staatsexamen beansprucht werden könne, allerdings bei Zweit- und Drittbewerbungen schon an die Zumutbarkeitsgrenzen stoße.

Die GEW empfiehlt allen abgelehnten Bewerberinnen und Bewerbern eine rechtliche Prüfung des Sachverhaltes und sich gegebenenfalls an die Gewerkschaft zu wenden. Darüber hinaus fordert Kessler Kultusministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf, bei der Ausbildungsplatzvergabe zwischen den einzelnen Schulformen mehr Gerechtigkeit herzustellen und die Ausbildungskapazitäten an der Anzahl der Schulen und den Schülerzahlen zu orientieren.
Den 35 saarländischen Gymnasien mit rund 31.000 Schülerinnen und Schülern werden 60 der 84 Referendare zugeteilt. An den 50 Erweiterten Realschulen und 16 Gesamtschulen des Landes werden etwa 33.000 Schülerinnen und Schüler ausgebildet.

Skandalöse Sparpolitik zulasten des Lehrernachwuchses

Anlässlich des 13. Saarländischen Referendariatstages der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Landesverband Saarland, erhob GEW-Landesvorsitzender Klaus Kessler schwere Vorwürfe gegen die Lehrereinstellungspolitik der saarländischen Landesregierung.

Vor rund 100 angehenden Lehrerinnen und Lehrern sagte der GEW-Chef: „Es wird höchste Zeit, dass die Landesregierung ihre bildungspolitische Geisterfahrt beendet und dem Lehrernachwuchs im Saarland eine verlässliche berufliche Perspektive bietet. Anstatt unbefristete volle Beamtenstellen anzubieten, werden junge Lehrkräfte in zunehmendem Maße mit schlecht bezahlten befristeten Verträgen abgespeist. Zudem sollen neu einzustellende Realschullehrer in der Besoldung um 300 Euro abgesenkt werden, d.h., im Saarland werden die Lehrer schlechter bezahlt als in anderen Bundesländern. Durch solche Maßnahmen kann die Lehrerversorgung im Saarland nicht sichergestellt werden.“

Die GEW kritisiert weiter, dass infolge der Grundschulschließungen bis zu 300 Lehrerstellen eingespart worden sind, was zur Folge hat, dass von 200 Neubewerbungen nur 90 Junglehrer/innen in diesem Schuljahr eine unbefristete Stelle erhalten haben. Die GEW kritisiert weiter den zunehmenden Lehrermangel an den weiterführenden Schulen in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Arbeitslehre und Musik, wodurch es zu Unterrichtsausfall und einem Anstieg des fachfremden Unterrichtes kommt. Zusätzlich werden verstärkt Referendare in der Ausbildung zum Schließen von Unterrichtslücken herangezogen. GEW-Chef Klaus Kessler kritisiert dies mit den Worten: „Kultusministerin Kramp-Karrenbauer hat kein Konzept, um dem anwachsenden Lehrermangel im Saarland zu begegnen. Stattdessen werden Referendare durch einen zunehmenden Einsatz in eigenverantwortlichem Unterricht als Lückenbüßer eingesetzt und als preiswerte Lehrerarbeitskräfte ausgebeutet.“

Die GEW fordert zur Verbesserung der Situation und zur Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufes insgesamt eine Aufstockung des Referendargehaltes von der derzeit 1.000 Euro auf mindestens 1.500 Euro, damit die angehenden Lehrer auch von ihrem Referendarseinkommen leben können. Abschließend sagte Klaus Kessler: „Nach der Föderalismusreform hat das Saarland die Möglichkeit, seine Lehrkräfte in Landesverantwortung zu bezahlen. Um im Wettbewerb der Bundesländer qualifizierter Lehrkräfte bestehen zu können, muss das Saarland bessere Bedingungen anbieten, als andere Bundesländer, damit der Lehrernachwuchs bei uns gehalten werden kann und nicht in andere Länder abwandert. Zunehmend wird es schwieriger, qualifiziertes Lehrpersonal für die Schulen zu finden, da es auf dem Lehrerarbeitsmarkt eng wird, insbesondere in bestimmten Fächern. Die Landesregierung muss in Zukunft sicher stellen, dass genügend Lehrkräfte zur Unterrichtsversorgung für die Schulen zur Verfügung stehen.“

Konzeptlosigkeit, blinde Sparwut und Vetternwirtschaft
Den Schulen droht zur Zeit der Kollaps, weil sie ihren Unterrichtsverpflichtungen immer weniger nachkommen können. Für Fächer wie Mathematik, Physik und Chemie werden händeringend Lehrkräfte gesucht. Immer mehr Lehrkräfte müssen fachfremden Unterricht erteilen. Gleichzeitig rächt sich nun eine verfehlte Einstellungspolitik, die nur noch darauf aus ist, entstehende Löcher kurzfristig zu stopfen. Das Saarland schafft es kaum noch, junge Lehrkräfte zu binden. Die Lehrerkollegien sind teilweise völlig überaltert, der Krankenstand dementsprechend hoch. In dieser Situation Stellen abzubauen und noch dazu neu ausgebildeten Lehrkräften das Einstiegsgehalt zu kürzen, ist nicht nur kurzsichtig, sondern auch fahrlässig. Der Zusammenbruch wird offensichtlich billigend in Kauf genommen.

Während einerseits die Bildung kaputt gespart und Lehrerstellen abgebaut werden, will sich die Landesregierung andererseits zwei Dutzend hochdotierte neue Stellen leisten – davon ein Großteil beim Kultusministerium. Geplante sind außerdem noch vor der Landtagswahl 2009 die Beförderung von 70 Mitarbeitern aus sämtlichen Ministerien. Mit dem Hinweis auf die hohe Verschuldung des Saarlandes (die 10 Milliarden-Marke wird gerade durchbrochen) wird die CDU-Landesregierung ihre Einschnitte bei der Bildung jedenfalls nicht mehr rechtfertigen können. Wenn es darum geht, sich selbst zu bedienen, reicht das Geld offenbar immer.