Das Märchen von der G9-Alternative

Gemeinschaftsschulen sollen im Saarland das abgeschaffte G9-Abitur ersetzen

Die Politik hält im Saarland verbissen am Turbo-Abitur G8 fest. Dafür gibt es eine inoffizielle und eine offizielle Begründung. Nachvollziehbar, jedoch völlig unakzeptabel, ist die inoffizielle: Den inzwischen erzielten Spareffekt durch die Abschaffung der Klassenstufe 13 will man sich nicht mehr nehmen lassen. Als offizielle Begründung wird dagegen immer wieder steif und fest behauptet, mit der Gemeinschaftsschule sei ja schließlich eine G9-Alternative vorhanden. Doch diese Behauptung ist schlichtweg eine Täuschung. Eine einheitliche G9-Oberstufe für die Gemeinschaftsschulen ist bis jetzt noch nicht einmal ansatzweise in Sicht. Ein echtes G9 bis zur Klassenstufe 13 wird es für die Gemeinschaftsschulen nach jetzigem (Schulden-)Stand wahrscheinlich niemals geben. Möglich ist allenfalls ein G8 am Gymnasium mit Wiederholung der Klassenstufe 10. Doch damit wird die Gemeinschaftsschule als Alternative („auf Augenhöhe“) zum Gymnasium ad Absurdum geführt. Sie kann nicht zum Abitur führen, wenn dies letztlich nur am Gymnasium absolviert werden kann. Ihr fehlt eine eigene G9-Oberstufenstruktur. Die Abi-Kandidaten der Gemeinschaftsschulen landen überwiegend in den Oberstufenklassen 11 und 12 der Gymnasien, wo dann kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen ihnen und den Gymnasiasten. Das ist und bleibt ein G8, wenn auch mit einjähriger Unterbrechung.

Eine echte G9-Alternative bieten lediglich die beiden Oberstufen für die Gesamtschulen in Neunkirchen und Saarbrücken. Dort werden die Schülerinnen und Schüler aus den 10 Gesamtschulen des Regionalverbands Saarbrücken und der Landkreise Neunkirchen und Saarpfalz aufgenommen und konsequent bis zum Abitur in Klassenstufe 13 geführt. Das sind jedoch gerade mal 10 von insgesamt etwa 130 Gemeinschaftsschulen, die ab dem Schuljahr 2018/2019 eine Oberstufe anbieten müssen.

Ein G9-Alternative stellen auch die sogenannten beruflichen Oberstufengymnasien dar. Dabei handelt es sich um Oberstufenklassen, die den Berufsbildungszentren zugeordnet sind und in einem zwei- bzw. dreijährigen Ausbildungsgang zu einer Hochschulreife mit berufsbezogener Orientierung führen. Im Saarland gibt es sieben berufliche Oberstufengymnasien, fünf in den Landkreisen und zwei im Regionalverband Saarbrücken. Ihre Aufnahmekapazität ist jedoch wegen des begrenzten Raumangebots sehr gering.

Die meisten Gemeinschaftsschulen werden demnach nur mit dem G8-Gymnasium kooperieren können, um ihren Kandidaten ein Abitur zu ermöglichen. Und das ist ein Abitur in Jahrgang 12. Damit bleibt also mit wenigen Ausnahmen alles bei G8. Es sei denn, die Landesregierung würde bis zum Stichtag noch eine ganze Reihe gemeinsame Oberstufen nach dem Muster der Gesamtschulen etablieren. Doch wer angesichts unserer miesen Finanzlage daran glaubt, der glaubt auch an den Osterhasen. Wir wissen zwar, dass Investitionen in Bildung sich langfristig auszahlen. Doch solche Erkenntnisse zählen im Saarland schon lange nicht mehr. Es wird daher wohl weiterhin geflickschustert. Das schlagende Argument, die Gemeinschaftsschule könne ein G9-Abitur anbieten, bleibt somit eine Farce.

Kein Konzept für die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen

Der Aufbau der Gemeinschaftsschulen könnte an der Frage der Oberstufen-Standorte für die ehemaligen Erweiterten Realschulen scheitern. Offenbar gibt es immer noch kein schlüssiges Konzept. Das Problem wird in die Zukunft verlagert

Gemeinschaftsschule statt Turbo-Abi

Die Schaffung der Gemeinschaftsschule im Saarland sollte das große Vermächtnis sein, das die vorzeitig abgelöste Jamaika-Regierung der Nachwelt hinterließ. Eine aufwändige Werbekampagne wurde ins Rollen gebracht, um den Eltern die neue Schulform als echte Alternative zum 8-jährigen Gymnasium schmackhaft zu machen. Geradezu gebetsmühlenhaft betonte der damalige Bildungsminister Klaus Kessler von den Grünen immer wieder, dass die Gemeinschaftsschule  als „zweite Säule“ im Schulsystem „gleichberechtigt“ und „in Augenhöhe“ neben dem Gymnasium stehe. Ein Hort der Glückseligkeit für alle, die das Turbo-Abi ablehnen und lieber stressfrei zur Hochschulreife kommen wollen. Es entstand der Eindruck, mit der Entscheidung für die Gemeinschaftsschule seien im Saarland schlagartig alle Bildungshürden abgebaut und es gebe künftig nur noch angehende Abiturienten.

Doch die nüchterne Schul-Realität sieht natürlich völlig anders aus. Ungefähr 50 Prozent aller Schüler, die an Gemeinschaftsschulen angemeldet werden, sind Hauptschüler (sie existieren noch, obwohl die Hauptschule abgeschafft wurde), die anderen machen überwiegend einen mittleren Bildungsabschluss. Nur ein kleiner Rest (allenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs) schafft das Abitur oder eine Fachhochschulreife. In diesem Rahmen bewegen sich jedenfalls die Zahlen der vergangenen Jahre zu den Gesamtschulen. Dort hat sich durch die Umwandlung in Gemeinschaftsschulen kaum etwas geändert. Eine Oberstufe war immer schon fester Bestandteil der Schulordnung, entweder in Kooperation mit einem Gymnasium oder als eigenständige Oberstufe für mehrere Gesamtschulen im Verbundsystem.

Das Dilemma der Erweiterten Realschulen

Ganz schlechte Karten haben allerdings die Erweiterten Realschulen, die erst noch Oberstufen einrichten müssen. Obwohl sie den größten Anteil der Gemeinschaftsschulen ausmachen (71 Prozent), ist dort bislang noch nichts geregelt. Alle Eltern, die ihre Kinder bisher an einer ERS-Gemeinschaftsschule angemeldet haben, tappen in Sachen Oberstufe noch völlig im Dunkeln. Noch immer ist völlig unklar, ob es ein Verbund-System geben wird oder eine Kooperationslösung mit einem Gymnasium. Vorteilhafter für die Schüler wäre auf jeden Fall der Verbund. Denn an einer eigenen Oberstufe werden ausschließlich Gemeinschaftsschüler mit gleichem Kenntnisstand auf das Abitur vorbereitet. Am Gymnasium dürfte der Anschluss bedeutend schwieriger sein, selbst wenn dort die Klasse 10 noch mal wiederholt wird. Ob es jedoch tatsächlich zu neuen Verbundsystemen kommen wird, ist mehr als fraglich. Denn dazu müssten komplette Oberstufen (Klassen 11 bis 13) neu personalisiert werden mit Gymnasial-Lehrkräften, die an den Erweiterten Realschulen so gut wie nicht vorhanden sind. Eine Zwangsrekrutierung mit Personal von den Gymnasien würde nur böses Blut schaffen und wäre erfahrungsgemäß eher kontraproduktiv. Und Neueinstellungen sind zu Zeiten des Schülerrückgangs und der Schuldenbremse wohl illusorisch.

Eltern brauchen Planungssicherheit

Viele offene Fragen und keine eindeutigen Antworten. Die ersten Oberstufen von Gemeinschaftsschulen werden im Schuljahr 2018/2019 entstehen. So lange sollte man nicht warten. Konkrete Oberstufen-Pläne müssten jetzt schon vorliegen. Eltern haben ein Recht darauf, zu wissen, was auf ihre Kinder zukommt.

Anmerkung:

Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion auf die Äußerungen des Sprechers des Arbeitskreises der Schulleiter an Gemeinschaftsschulen, Arno Heinz (Saarbrücker Zeitung vom 8.8.2013). Heinz` Forderung nach Klarheit für die Oberstufen-Standorte ist sicherlich berechtigt.
PiSAAR distanziert sich jedoch ausdrücklich von dessen Bereitschaft, Schulschließungen wegen geringer Anmeldezahlen zu akzeptieren. Hier dürfte Heinz sich (mal wieder) völlig vergaloppiert haben. Weiß er eigentlich, für wen er spricht?

Die bildungspolitische Bankrotterklärung

Von den 2400 Stellen, die in den nächsten sieben Jahren zur Einhaltung der Schuldenbremse im Öffentlichen Dienst des Saarlandes abgebaut werden sollen, gehen etwa 1000 zu Lasten der Bildung. 588 Stellen fallen bei den Lehrkräften weg. Der Universität werden 21,1 Millionen Euro gestrichen, was in etwa dem Verlust von 422 Stellen entspricht. Knapp 42 Prozent der Einsparungen werden somit dazu beitragen, dass sich die ohnehin schon miserable Bildungssituation des Saarlandes weiter verschärft.

Flickschusterei

Schon jetzt ist an vielen saarländischen Schulen die Grenze des Zumutbaren erreicht. Unterrichtsausfälle häufen sich. Qualifizierte Lehrkräfte fehlen an vielen Stellen. Flickschusterei ist an der Tagesordnung, denn ein Großteil des Unterrichts muss durch unzureichend ausgebildetes Personal und befristete Kräfte abgedeckt werden. Allen voran die Referendare. Sie sollten im Ausbildungsunterricht den Lehrerberuf eigentlich erst mal von Grund auf lernen. Darauf wird jedoch keine Rücksicht genommen. Die Schulleitungen scheuen nicht davor zurück, sie von Anfang an mit bis zu 14 Unterrichtsstunden pro Woche für den ganz normalen Unterricht zu verbraten. Viele verlieren so schon zu Beginn ihrer Lehrerkarriere die Lust am Job und steigen frühzeitig aus.
Wenn Klassen zudem immer häufiger von Lehrkräften mit befristeten Verträgen unterrichtet werden, ist das besonders bedenklich im Hinblick auf die vielen Problemschüler. Gerade sie brauchen Kontinuität und sollten möglichst über mehrere Schuljahre hinweg von festen Bezugspersonen unterrichtet werden. Wer an der Schule nur ein kurzes Gastspiel gibt, wird in der Regel nicht akzeptiert.

 

Das Märchen von den 1400 Lehrerstellen

In dieser Situation, in der schon ein Großteil des Unterrichts von befristet Beschäftigten gehalten wird, sollen also bei den fest Beschäftigten in den nächsten Jahren noch fast 600 Stellen wegfallen. Ist das Ignoranz oder Blindheit?
Jedenfalls wird versucht, den Saarländern ein Märchen aufzutischen: 1400 Lehrerstellen würden allein schon durch den Rückgang der Schülerzahlen wegfallen. Es blieben also abzüglich der geplanten Streichungen immer noch 800 Stellen übrig, die den Kindertagesstätten, den Krippen, dem Kooperationsjahr und der Inklusion zu gute kommen sollen. Ja, damit könnten sogar die Klassengrößen weiter verringert werden! Doch das ist Bildungspolitik mit dem Taschenrechner, eine reine Milchmädchenrechnung, die sich ausschließlich auf die aktuelle Geburtenstatistik bezieht und den zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften aus anderen Gründen vollkommen ignoriert.
Hilfreich ist an dieser Stelle ein Blick auf Nordrhein-Westfalen, wo sich die rot-grüne Landesregierung jetzt ebenfalls auf Kosten der Bildung sanieren will. Dort hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm in einem Gutachten festgestellt, dass trotz eines Schülerrückgangs von 16 Prozent bis zum Jahre 2019 durch zentrale Reformvorhaben wie beispielsweise die Inklusion sogar noch ein Zusatzbedarf von 4300 Fachkräften entstehe.
Dieser Zusatzbedarf dürfte im Saarland prozentual noch wesentlich höher sein. Denn im Vergleich zu NRW hat sich bei uns inzwischen ein weitaus größerer Reformstau gebildet, der erst einmal abgebaut werden müsste. Genannt seien nur:

  • die Umstrukturierung der Erweiterten Realschulen in Gemeinschaftsschulen
  • die Umsetzung der Inklusion, insbesondere an den saarländischen Grundschulen
  • der weitere Ausbau der Ganztagsschulen (das Saarland hat hier nach Bayern das schlechteste Angebot)
  • die Verabschiedung vom krampfhaften Festhalten an G8
  • die Abschaffung der Besoldungsnachteile (insbesondere bei der Eingangsbesoldung) gegenüber den anderen Bundesländern, um Abwanderungen zu vermeiden und damit die Voraussetzung zu schaffen, gut ausgebildete Lehrkräfte einstellen zu können
  • die Verbesserung der Arbeitsbedingungen älterer Lehrkräfte durch ein geeignetes Altersteilzeit-Modell. Hintergrund: Fast die Hälfte aller Lehrer an den saarländischen allgemein bildenden Schulen ist älter als 50 Jahre. Das Saarland hat zudem mit 39 Prozent bundesweit den mit Abstand größten Anteil an Lehrkräften, die vorzeitig in Ruhestand gehen oder besser gesagt: das Handtuch werfen.

Wo bleibt der Aufschrei?

Die genannten Stellenkürzungen wurden am 8. Juni von der Regierungskoalition aus CDU und SPD beschlossen. Mit am Tisch saßen auch die Vertreter der Gewerkschaften (außer Verdi). Geradezu fatalistisch wirkt die Reaktion des saarländischen GEW-Landesvorsitzenden Peter Balnis: man habe die Beschlüsse der Landesregierung zur Kenntnis genommen aber nicht gebilligt. Und der Saar-DGB-Vorsitzende Eugen Roth, der in Doppelfunktion noch für die SPD im Landtag sitzt, glänzt vor Zufriedenheit über das Erreichte. Es kam dann noch so ein Hauch von Kritik von Seiten der Oppositionsparteien. Und das war`s dann auch. Die bildungspolitische Bankrotterklärung hatte stattgefunden und niemand hat es richtig bemerkt …

Gemeinschaftsschule ohne echte Legitimation

Die Gemeinschaftsschule von Klaus Kessler und Oskar Lafontaine

Ab dem neuen Schuljahr wird es im Saarland nur noch zwei weiterführende Schulformen geben: Das Gymnasium und die Gemeinschaftsschule, in der nun 47 bisherige Erweiterte Realschulen und 16 Gesamtschulen zusammengefasst sind. Diese einschneidende Veränderung der saarländischen Schullandschaft haben wir im Prinzip zwei Personen zu verdanken, die sich damit in erster Linie selbst profilieren wollten.

Konzept der Gemeinschaftsschule abgeschrieben
Klaus Kessler, der ehemalige GEW-Landesvorsitzende, sollte nach Spendenskandal und Wahlbetrug das Image der Saar-Grünen wieder aufpolieren. Er stand unter Erfolgszwang und musste möglichst schnell Ergebnisse liefern. So entstand das hastig zusammengeschusterte Konzept der Gemeinschaftsschule, indem einfach der Text der bisherigen Gesamtschulverordnung übernommen und an einigen Stellen leicht verändert wurde. Auf diese Weise konnte Klaus Kessler sein Lieblingskind Gesamtschule über die Hintertür für alle verbindlich machen, die nicht auf`s Gymnasium gehen.

Der Kuhhandel
Außer den Grünen gab es seinerzeit keine einzige saarländische Partei, die diese Pseudo-Schulreform wirklich wollte. Die Jamaika-Koalitionäre CDU und FDP mussten – teilweise zähneknirschend – zustimmen, weil sie auf die drei Mandate der Grünen angewiesen waren. Die SPD lehnte den Kessler-Entwurf grundlegend ab und auch die Linke distanzierte sich. Zumindest anfangs.

Doch dann kam der zweite Befürworter der Gemeinschaftsschule ins Spiel. Oskar Lafontaine, Fraktionsvorsitzender der Saar-Linke, sah in einer Zustimmung die Möglichkeit, sich und seine Partei wenn schon nicht auf Bundesebene dann zumindest im Saarland als kooperativ darzustellen, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Um eine Verbesserung der Schulqualität wird es ihm dabei nicht gegangen sein. Denn Lafontaine machte die Zustimmung zur Gemeinschaftsschule abhängig von der schwammigen Bedingung einer verstärkten Lehrerfeuerwehr, auf die sich Kessler zwar zunächst einließ, die er dann später aber prompt ignorierte.

So gesehen, wird jetzt das gesamte saarländische Schulsystem komplett umgebaut, nur weil genau zwei Personen, die an den Schaltquellen der Macht saßen, dies aus fadenscheinigen Gründen so wollten. Unter diesen Umständen von einer echten Legitimation der Gemeinschaftsschule zu sprechen, muss zumindest angezweifelt werden.

Diese Schulform ist das Ergebnis von Taktiererei und Parteiklüngel. Sie wird nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen, für die sie verbindlich gemacht wurde.