Der Anschein einer Oberstufe

Seit dem Start der Gemeinschaftsschule im August 2012 war klar: eine Oberstufenlösung musste irgendwann mal kommen. Denn spätestens bis Ende 2017 sollten die ersten Abi-Kandidaten und deren Eltern wissen, wie denn nun an der Gemeinschaftsschule Abitur gemacht werden kann.

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Das Märchen von der G9-Alternative

Gemeinschaftsschulen sollen im Saarland das abgeschaffte G9-Abitur ersetzen

Die Politik hält im Saarland verbissen am Turbo-Abitur G8 fest. Dafür gibt es eine inoffizielle und eine offizielle Begründung. Nachvollziehbar, jedoch völlig unakzeptabel, ist die inoffizielle: Den inzwischen erzielten Spareffekt durch die Abschaffung der Klassenstufe 13 will man sich nicht mehr nehmen lassen. Als offizielle Begründung wird dagegen immer wieder steif und fest behauptet, mit der Gemeinschaftsschule sei ja schließlich eine G9-Alternative vorhanden. Doch diese Behauptung ist schlichtweg eine Täuschung. Eine einheitliche G9-Oberstufe für die Gemeinschaftsschulen ist bis jetzt noch nicht einmal ansatzweise in Sicht. Ein echtes G9 bis zur Klassenstufe 13 wird es für die Gemeinschaftsschulen nach jetzigem (Schulden-)Stand wahrscheinlich niemals geben. Möglich ist allenfalls ein G8 am Gymnasium mit Wiederholung der Klassenstufe 10. Doch damit wird die Gemeinschaftsschule als Alternative („auf Augenhöhe“) zum Gymnasium ad Absurdum geführt. Sie kann nicht zum Abitur führen, wenn dies letztlich nur am Gymnasium absolviert werden kann. Ihr fehlt eine eigene G9-Oberstufenstruktur. Die Abi-Kandidaten der Gemeinschaftsschulen landen überwiegend in den Oberstufenklassen 11 und 12 der Gymnasien, wo dann kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen ihnen und den Gymnasiasten. Das ist und bleibt ein G8, wenn auch mit einjähriger Unterbrechung.

Eine echte G9-Alternative bieten lediglich die beiden Oberstufen für die Gesamtschulen in Neunkirchen und Saarbrücken. Dort werden die Schülerinnen und Schüler aus den 10 Gesamtschulen des Regionalverbands Saarbrücken und der Landkreise Neunkirchen und Saarpfalz aufgenommen und konsequent bis zum Abitur in Klassenstufe 13 geführt. Das sind jedoch gerade mal 10 von insgesamt etwa 130 Gemeinschaftsschulen, die ab dem Schuljahr 2018/2019 eine Oberstufe anbieten müssen.

Ein G9-Alternative stellen auch die sogenannten beruflichen Oberstufengymnasien dar. Dabei handelt es sich um Oberstufenklassen, die den Berufsbildungszentren zugeordnet sind und in einem zwei- bzw. dreijährigen Ausbildungsgang zu einer Hochschulreife mit berufsbezogener Orientierung führen. Im Saarland gibt es sieben berufliche Oberstufengymnasien, fünf in den Landkreisen und zwei im Regionalverband Saarbrücken. Ihre Aufnahmekapazität ist jedoch wegen des begrenzten Raumangebots sehr gering.

Die meisten Gemeinschaftsschulen werden demnach nur mit dem G8-Gymnasium kooperieren können, um ihren Kandidaten ein Abitur zu ermöglichen. Und das ist ein Abitur in Jahrgang 12. Damit bleibt also mit wenigen Ausnahmen alles bei G8. Es sei denn, die Landesregierung würde bis zum Stichtag noch eine ganze Reihe gemeinsame Oberstufen nach dem Muster der Gesamtschulen etablieren. Doch wer angesichts unserer miesen Finanzlage daran glaubt, der glaubt auch an den Osterhasen. Wir wissen zwar, dass Investitionen in Bildung sich langfristig auszahlen. Doch solche Erkenntnisse zählen im Saarland schon lange nicht mehr. Es wird daher wohl weiterhin geflickschustert. Das schlagende Argument, die Gemeinschaftsschule könne ein G9-Abitur anbieten, bleibt somit eine Farce.

Kein Konzept für die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen

Der Aufbau der Gemeinschaftsschulen könnte an der Frage der Oberstufen-Standorte für die ehemaligen Erweiterten Realschulen scheitern. Offenbar gibt es immer noch kein schlüssiges Konzept. Das Problem wird in die Zukunft verlagert

 

Gemeinschaftsschule statt Turbo-Abi

Die Schaffung der Gemeinschaftsschule im Saarland sollte das große Vermächtnis sein, das die vorzeitig abgelöste Jamaika-Regierung der Nachwelt hinterließ. Eine aufwändige Werbekampagne wurde ins Rollen gebracht, um den Eltern die neue Schulform als echte Alternative zum 8-jährigen Gymnasium schmackhaft zu machen. Geradezu gebetsmühlenhaft betonte der damalige Bildungsminister Klaus Kessler von den Grünen immer wieder, dass die Gemeinschaftsschule  als „zweite Säule“ im Schulsystem „gleichberechtigt“ und „in Augenhöhe“ neben dem Gymnasium stehe. Ein Hort der Glückseligkeit für alle, die das Turbo-Abi ablehnen und lieber stressfrei zur Hochschulreife kommen wollen. Es entstand der Eindruck, mit der Entscheidung für die Gemeinschaftsschule seien im Saarland schlagartig alle Bildungshürden abgebaut und es gebe künftig nur noch angehende Abiturienten. Doch die nüchterne Schul-Realität sieht natürlich völlig anders aus. Ungefähr 50 Prozent aller Schüler, die an Gemeinschaftsschulen angemeldet werden, sind Hauptschüler (sie existieren noch, obwohl die Hauptschule abgeschafft wurde), die anderen machen überwiegend einen mittleren Bildungsabschluss. Nur ein kleiner Rest (allenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs) schafft das Abitur oder eine Fachhochschulreife. In diesem Rahmen bewegen sich jedenfalls die Zahlen der vergangenen Jahre zu den Gesamtschulen. Dort hat sich durch die Umwandlung in Gemeinschaftsschulen kaum etwas geändert. Eine Oberstufe war immer schon fester Bestandteil der Schulordnung, entweder in Kooperation mit einem Gymnasium oder als eigenständige Oberstufe für mehrere Gesamtschulen im Verbundsystem.

Das Dilemma der Erweiterten Realschulen

Ganz schlechte Karten haben allerdings die Erweiterten Realschulen, die erst noch Oberstufen einrichten müssen. Obwohl sie den größten Anteil der Gemeinschaftsschulen ausmachen (71 Prozent), ist dort bislang noch nichts geregelt. Alle Eltern, die ihre Kinder bisher an einer ERS-Gemeinschaftsschule angemeldet haben, tappen in Sachen Oberstufe noch völlig im Dunkeln. Noch immer ist völlig unklar, ob es ein Verbund-System geben wird oder eine Kooperationslösung mit einem Gymnasium. Vorteilhafter für die Schüler wäre auf jeden Fall der Verbund. Denn an einer eigenen Oberstufe werden ausschließlich Gemeinschaftsschüler mit gleichem Kenntnisstand auf das Abitur vorbereitet. Am Gymnasium dürfte der Anschluss bedeutend schwieriger sein, selbst wenn dort die Klasse 10 noch mal wiederholt wird. Ob es jedoch tatsächlich zu neuen Verbundsystemen kommen wird, ist mehr als fraglich. Denn dazu müssten komplette Oberstufen (Klassen 11 bis 13) neu personalisiert werden mit Gymnasial-Lehrkräften, die an den Erweiterten Realschulen so gut wie nicht vorhanden sind. Eine Zwangsrekrutierung mit Personal von den Gymnasien würde nur böses Blut schaffen und wäre erfahrungsgemäß eher kontraproduktiv. Und Neueinstellungen sind zu Zeiten des Schülerrückgangs und der Schuldenbremse wohl illusorisch.

Eltern brauchen Planungssicherheit

Viele offene Fragen und keine eindeutigen Antworten. Die ersten Oberstufen von Gemeinschaftsschulen werden im Schuljahr 2018/2019 entstehen. So lange sollte man nicht warten. Konkrete Oberstufen-Pläne müssten jetzt schon vorliegen. Eltern haben ein Recht darauf, zu wissen, was auf ihre Kinder zukommt.

Anmerkung: Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion auf die Äußerungen des Sprechers des Arbeitskreises der Schulleiter an Gemeinschaftsschulen, Arno Heinz (Saarbrücker Zeitung vom 8.8.2013). Heinz` Forderung nach Klarheit für die Oberstufen-Standorte ist sicherlich berechtigt. PiSAAR distanziert sich jedoch ausdrücklich von dessen Bereitschaft, Schulschließungen wegen geringer Anmeldezahlen zu akzeptieren. Hier dürfte Heinz sich (mal wieder) völlig vergaloppiert haben. Weiß er eigentlich, für wen er spricht?

Die bildungspolitische Bankrotterklärung

Von den 2400 Stellen, die in den nächsten sieben Jahren zur Einhaltung der Schuldenbremse im Öffentlichen Dienst des Saarlandes abgebaut werden sollen, gehen etwa 1000 zu Lasten der Bildung. 588 Stellen fallen bei den Lehrkräften weg. Der Universität werden 21,1 Millionen Euro gestrichen, was in etwa dem Verlust von 422 Stellen entspricht. Knapp 42 Prozent der Einsparungen werden somit dazu beitragen, dass sich die ohnehin schon miserable Bildungssituation des Saarlandes weiter verschärft.

Flickschusterei

Schon jetzt ist an vielen saarländischen Schulen die Grenze des Zumutbaren erreicht. Unterrichtsausfälle häufen sich. Qualifizierte Lehrkräfte fehlen an vielen Stellen. Flickschusterei ist an der Tagesordnung, denn ein Großteil des Unterrichts muss durch unzureichend ausgebildetes Personal und befristete Kräfte abgedeckt werden. Allen voran die Referendare. Sie sollten im Ausbildungsunterricht den Lehrerberuf eigentlich erst mal von Grund auf lernen. Darauf wird jedoch keine Rücksicht genommen. Die Schulleitungen scheuen nicht davor zurück, sie von Anfang an mit bis zu 14 Unterrichtsstunden pro Woche für den ganz normalen Unterricht zu verbraten. Viele verlieren so schon zu Beginn ihrer Lehrerkarriere die Lust am Job und steigen frühzeitig aus.
Wenn Klassen zudem immer häufiger von Lehrkräften mit befristeten Verträgen unterrichtet werden, ist das besonders bedenklich im Hinblick auf die vielen Problemschüler. Gerade sie brauchen Kontinuität und sollten möglichst über mehrere Schuljahre hinweg von festen Bezugspersonen unterrichtet werden. Wer an der Schule nur ein kurzes Gastspiel gibt, wird in der Regel nicht akzeptiert.

 

Das Märchen von den 1400 Lehrerstellen

In dieser Situation, in der schon ein Großteil des Unterrichts von befristet Beschäftigten gehalten wird, sollen also bei den fest Beschäftigten in den nächsten Jahren noch fast 600 Stellen wegfallen. Ist das Ignoranz oder Blindheit?
Jedenfalls wird versucht, den Saarländern ein Märchen aufzutischen: 1400 Lehrerstellen würden allein schon durch den Rückgang der Schülerzahlen wegfallen. Es blieben also abzüglich der geplanten Streichungen immer noch 800 Stellen übrig, die den Kindertagesstätten, den Krippen, dem Kooperationsjahr und der Inklusion zu gute kommen sollen. Ja, damit könnten sogar die Klassengrößen weiter verringert werden! Doch das ist Bildungspolitik mit dem Taschenrechner, eine reine Milchmädchenrechnung, die sich ausschließlich auf die aktuelle Geburtenstatistik bezieht und den zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften aus anderen Gründen vollkommen ignoriert.
Hilfreich ist an dieser Stelle ein Blick auf Nordrhein-Westfalen, wo sich die rot-grüne Landesregierung jetzt ebenfalls auf Kosten der Bildung sanieren will. Dort hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm in einem Gutachten festgestellt, dass trotz eines Schülerrückgangs von 16 Prozent bis zum Jahre 2019 durch zentrale Reformvorhaben wie beispielsweise die Inklusion sogar noch ein Zusatzbedarf von 4300 Fachkräften entstehe.
Dieser Zusatzbedarf dürfte im Saarland prozentual noch wesentlich höher sein. Denn im Vergleich zu NRW hat sich bei uns inzwischen ein weitaus größerer Reformstau gebildet, der erst einmal abgebaut werden müsste. Genannt seien nur:

  • die Umstrukturierung der Erweiterten Realschulen in Gemeinschaftsschulen
  • die Umsetzung der Inklusion, insbesondere an den saarländischen Grundschulen
  • der weitere Ausbau der Ganztagsschulen (das Saarland hat hier nach Bayern das schlechteste Angebot)
  • die Verabschiedung vom krampfhaften Festhalten an G8
  • die Abschaffung der Besoldungsnachteile (insbesondere bei der Eingangsbesoldung) gegenüber den anderen Bundesländern, um Abwanderungen zu vermeiden und damit die Voraussetzung zu schaffen, gut ausgebildete Lehrkräfte einstellen zu können
  • die Verbesserung der Arbeitsbedingungen älterer Lehrkräfte durch ein geeignetes Altersteilzeit-Modell. Hintergrund: Fast die Hälfte aller Lehrer an den saarländischen allgemein bildenden Schulen ist älter als 50 Jahre. Das Saarland hat zudem mit 39 Prozent bundesweit den mit Abstand größten Anteil an Lehrkräften, die vorzeitig in Ruhestand gehen oder besser gesagt: das Handtuch werfen.

Wo bleibt der Aufschrei?

Die genannten Stellenkürzungen wurden am 8. Juni von der Regierungskoalition aus CDU und SPD beschlossen. Mit am Tisch saßen auch die Vertreter der Gewerkschaften (außer Verdi). Geradezu fatalistisch wirkt die Reaktion des saarländischen GEW-Landesvorsitzenden Peter Balnis: man habe die Beschlüsse der Landesregierung zur Kenntnis genommen aber nicht gebilligt. Und der Saar-DGB-Vorsitzende Eugen Roth, der in Doppelfunktion noch für die SPD im Landtag sitzt, glänzt vor Zufriedenheit über das Erreichte. Es kam dann noch so ein Hauch von Kritik von Seiten der Oppositionsparteien. Und das war`s dann auch. Die bildungspolitische Bankrotterklärung hatte stattgefunden und niemand hat es richtig bemerkt …

Gemeinschaftsschule ohne echte Legitimation

 

Die Gemeinschaftsschule von Klaus Kessler und Oskar Lafontaine

 

Ab dem neuen Schuljahr wird es im Saarland nur noch zwei weiterführende Schulformen geben: Das Gymnasium und die Gemeinschaftsschule, in der nun 47 bisherige Erweiterte Realschulen und 16 Gesamtschulen zusammengefasst sind. Diese einschneidende Veränderung der saarländischen Schullandschaft haben wir im Prinzip zwei Personen zu verdanken, die sich damit in erster Linie selbst profilieren wollten.

Konzept der Gemeinschaftsschule abgeschrieben

Klaus Kessler, der ehemalige GEW-Landesvorsitzende, sollte nach Spendenskandal und Wahlbetrug das Image der Saar-Grünen wieder aufpolieren. Er stand unter Erfolgszwang und musste möglichst schnell Ergebnisse liefern. So entstand das hastig zusammengeschusterte Konzept der Gemeinschaftsschule, indem einfach der Text der bisherigen Gesamtschulverordnung übernommen und an einigen Stellen leicht verändert wurde. Auf diese Weise konnte Klaus Kessler sein Lieblingskind Gesamtschule über die Hintertür für alle verbindlich machen, die nicht auf`s Gymnasium gehen.

Der Kuhhandel

Außer den Grünen gab es seinerzeit keine einzige saarländische Partei, die diese Pseudo-Schulreform wirklich wollte. Die Jamaika-Koalitionäre CDU und FDP mussten – teilweise zähneknirschend – zustimmen, weil sie auf die drei Mandate der Grünen angewiesen waren. Die SPD lehnte den Kessler-Entwurf grundlegend ab und auch die Linke distanzierte sich. Zumindest anfangs.

Doch dann kam der zweite Befürworter der Gemeinschaftsschule ins Spiel. Oskar Lafontaine, Fraktionsvorsitzender der Saar-Linke, sah in einer Zustimmung die Möglichkeit, sich und seine Partei wenn schon nicht auf Bundesebene dann zumindest im Saarland als kooperativ darzustellen, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Um eine Verbesserung der Schulqualität wird es ihm dabei nicht gegangen sein. Denn Lafontaine machte die Zustimmung zur Gemeinschaftsschule abhängig von der schwammigen Bedingung einer verstärkten Lehrerfeuerwehr, auf die sich Kessler zwar zunächst einließ, die er dann später aber prompt ignorierte.

So gesehen, wird jetzt das gesamte saarländische Schulsystem komplett umgebaut, nur weil genau zwei Personen, die an den Schaltquellen der Macht saßen, dies aus fadenscheinigen Gründen so wollten. Unter diesen Umständen von einer echten Legitimation der Gemeinschaftsschule zu sprechen, muss zumindest angezweifelt werden.

Diese Schulform ist das Ergebnis von Taktiererei und Parteiklüngel. Sie wird nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen, für die sie verbindlich gemacht wurde.

Gemeinschaftsschule stößt auf wenig Gegenliebe

Verhaltene Akzeptanz trotz Werbe-Getöse
Die Eltern sind skeptisch bis ablehnend. Viele melden ihr Kind nur deshalb bei der Gemeinschaftsschule (GemS) an, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Der Ansturm auf das Gymnasium hält auch im Jahr  Eins der GemS unvermindert an. Dagegen konnte auch der ungeheure Werberummel nichts ausrichten. Die großartigen Versprechungen einer neuen Schule „auf Augenhöhe mit dem Gymnasium“, an der auch Abitur gemacht werden kann, hat nicht zu einer Steigerung der Anmeldezahlen geführt. Lediglich die Gesamtschulen verzeichneten teilweise ein leichtes Plus.  Deren Schulleiterinnen und Schulleiter kamen nicht in Erklärungsnot. Sie konnten den Eltern glaubhaft versichern, dass sich am bisherigen Konzept ihrer Schule nicht viel ändern wird, auch wenn sie künftig Gemeinschaftsschule heißt.

Skepsis ist berechtigt
Die Reaktionen sind verständlich. Niemand weiß so richtig, was die künftige Schulform bringt. Zu oft wurde im Saarland schon in das Schulsystem eingegriffen. Stets zum Nachteil der Betroffenen, als Sparmaßnahme unter der Tarnkappe einer Reform.
Die frühzeitige Auflösung der Jamaika-Regierung verstärkt diese Skepsis, denn die Ausgestaltung der GemS wurde damit gewissermaßen auf halbem Wege gestoppt. Die bereits von dem ehemaligen Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne) völlig übereilt eingeführte neue Schulform, muss nun zu allem Übel von der zu erwartenden Großen Koalition aus SPD und CDU nochmal komplett neu verhandelt werden. Es ist ein Rätsel, wie das in der verbleibenden Zeit nach der Wahl geschafft werden soll. Zumal mit einer schnellen Einigung der Koalitionspartner nicht zu rechnen ist. Schließlich konnten die Meinungsverschiedenheiten zum Thema Bildung schon bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD unmittelbar nach dem Bruch der Jamaika-Regierung nicht ausgeräumt werden. Die Bildungspolitik war der Knackpunkt, weswegen sich Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Heiko Maas (SPD) für vorgezogene Neuwahlen entschieden. Damit hatte man das schwierige Thema Bildung erst mal vom Tisch.

Die SPD steht und fällt mit der Bildungspolitik
Für die Saar-SPD wird es zur Existenzfrage, inwieweit sie ihre bildungspolitischen Ziele innerhalb einer großen Koalition durchsetzen wird. Sie hatte im vergangenen Jahr, als es um die Verankerung der GemS in der saarländischen Verfassung ging, die Messlatte  – mit Recht  – sehr hoch angelegt. Da wurde beispielsweise eine verbindliche Klassengröße von 23 gefordert. Das wiederum hieße konkret, dass die Konkurrenzsituation des Saarlandes gegenüber den anderen Bundesländern erheblich verbessert werden müsste, um den so entstehenden zusätzlich Lehrkräftebedarf decken zu können.
Sollte sich die SPD in der kommenden Legislaturperiode jedoch als Helfershelferin einer rigiden Sparpolitik auf Kosten der ohnehin schwachen Bildungsausstattung des Saarlandes erweisen, dürfte für sie nach fünf Jahren großer Koalition nur noch die Rolle des Juniorpartners der CDU übrig bleiben.
Erste Bewährungsprobe wird die im Gesetzgebungsverfahren steckengebliebene Verabschiedung eines neuen Schulordnungsgesetzes sein. Hier geht es darum, schnellstmöglich den noch von Klaus Kessler vorbereiteten Entwurf zu verabschieden, der sich überraschend positiv von dem immer noch gültigen Gesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregentschaft unterscheidet. Damals wurde das Schulordnungsgesetz nach der Maßgabe gestrickt, möglichst einfach Schulen schließen zu können. Sollte die Verabschiedung des Kessler-Entwurfs nach der Regierungsbildung weiterhin hinausgezögert werden, wissen wir schon bald, wo die Reise hin geht …

Kessler preist sich selbst

Noch-Bildungsminister Kessler singt eine Lobeshymne auf sich selbst. Es sind zunächst die Schulleiterinnen und Schulleiter, von denen er sich nach dem Bruch der Jamaika-Koalition verabschiedet, nicht ohne die Verdienste seiner Amtszeit in den höchsten Tönen zu preisen. SZ-Redakteur Norbert Freund setzt am nächsten Tag noch eins drauf und widmet Kesslers Werk in der Samstagausgabe einen sehr schmeichelhaften Nachruf, der die beschönigte Bilanz des Bildungsministeriums unreflektiert wiederholt.
Es hat fast den Anschein, als wolle der ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dieser Außendarstellung seinen Seitenwechsel noch nachträglich rechtfertigen.
Doch was wurde mit diesem zweijährigen Intermezzo eines Gewerkschafters wirklich erreicht? Die Antwort ist ganz simpel: Dem Saarland fehlt jetzt mehr denn je eine starke GEW-Führung. Dafür hat es aber eine Gemeinschaftsschule (GemS), die niemand in der geplanten Form ernsthaft wollen kann. Das ist die nüchterne Bilanz.

Wir werden uns nicht an der gezielt eingesetzten Lobhudelei beteiligen. Sicher gab es in der  Amtszeit Klaus Kesslers auch positive Aspekte, wie beispielsweise die Abkehr von dem restriktiven Schulordnungsgesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregierung. Doch gerade mit der Einführung der Gemeinschaftsschule, der wohl wichtigsten Reform dieser Jamaika-Regierung, hat sich der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende zum Helfershelfer der Kaputtsparer gemacht, zum Erfüllungsgehilfen derer, die er vorher auf`s Schärfste kritisiert hat.

Wir fassen daher die wesentlichen Kritikpunkte zur Gemeinschaftsschule hier nochmals in sieben Punkten kurz zusammen:

1. Missachtung des Elternwillens

Eltern haben jetzt gewissermaßen nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Können oder wollen sie ihre Kinder nicht am Gymnasium anmelden, müssen sie die Gemeinschaftsschule nehmen. Damit sind sie gezwungen, sich auf eine abgespeckte Form der bisherigen Gesamtschule einzulassen, wenn sie nicht in ein anderes Bundesland umziehen wollen. Und das ist um so problematischer, weil die jetzige Gesamtschule im Saarland seit ihrer Entstehung starke Qualitätseinbußen hinnehmen musste.

2. Soziale Benachteiligung wird zementiert

Die Einführung der Gemeinschaftsschule ändert nichts an dem unsozialen Ausleseprinzip unseres Schulsystems. Die Kinder werden nach wie vor bereits mit 10 Jahren aussortiert und auf die weiterführenden Schulen verteilt. Es macht keinen Unterschied, ob es sich dabei um ein dreigliedriges oder jetzt nur noch zweigliedriges System handelt. Zudem besteht die Gefahr, dass sich die Gemeinschaftsschule zu einer einzigen großen Restschule entwickeln könnte.

3. Das Märchen vom „längeren gemeinsamen Lernen“

Die Behauptung, die Gemeinschaftsschule würde längeres gemeinsames Lernen ermöglichen, ist die schlimmste aller Lügen. In Deutschland lernen Kinder gerade mal in der Grundschule über einen längeren Zeitraum gemeinsam. Das sind in der Regel vier Jahre. Anschließend ist Schluss mit dem gemeinsamen Lernen. Es folgen zwei Jahre Klassenunterricht in einer neuen Schule mit anderen Lehrern und fremden Mitschülern. Danach wird die gerade abgeschlossene neue Klassenbildung wieder ausgehöhlt durch den ständigen Wechsel der Lerngruppen zwischen Klassen- und Kursunterricht.

4. Die Gemeinschaftsschule ist ein Instrument der Schuldenbremse

Die Zusammenfassung der beiden bisherigen Schulformen Erweiterte Realschule und Gesamtschule schafft ideale Voraussetzungen für Einsparungen bei der Bildung. Sie vereinfacht die Verwaltung. Auf diese Weise kann beispielsweise die Entstehung kleiner Klassen wirksamer verhindert und damit Personal eingespart werden. Da Schulstrukturreformen im Saarland bisher immer finanzpolitisch motiviert waren, ist diese Absicht angesichts der auferlegten Schuldenbremse geradezu offensichtlich.

5. Undurchdachtes Konzept und übereilte Umsetzung

Es gibt für die schwierige Einführungphase der GemS keine zusätzlichen Lehrerstunden wie beispielsweise seinerzeit noch für den Aufbau der Gesamtschulen. Das trifft die Erweiterten Realschulen besonders hart, weil dort die Umstellung wesentlich mehr Veränderungen mit sich bringt als an den Gesamtschulen. Problematisch ist zudem die Unterrichtsverteilung in Klasse 5 und 6. Die Schülerinnen und Schüler, in der Mehrzahl mit Hauptschulniveau, müssen sich mit zwei Fremdsprachen herumschlagen, obwohl ihnen bereits im Fach Deutsch die Grundlagen fehlen. 6 Stunden für Englisch und Französisch, dazu 1 Stunde für das (unverständlicherweise) isoliert vermittelte Fach „Lernen lernen“. Jedoch für Deutsch und Mathematik, wo erfahrungsgemäß die größten Defizite bestehen, sind jeweils nur 4 Stunden vorgesehen (am Gymnasium 6).

6. Aufgeblähte Verwaltung

Die Schulen müssen den Zeitpunkt und die Form der Leistungsdifferenzierung teilweise selbst festlegen. Diese Verpflichtung wird als „Stärkung der Eigenständigkeit“ propagiert, erhöht aber noch zusätzlich die in den letzten Jahren schon enorm gestiegenen schulischen Verwaltungsaufgaben. Sie hat zudem mit Eigenständigkeit nicht viel zu tun, da die Beschlüsse der Schulen letztlich doch noch vom Ministerium abgesegnet werden müssen. Dort wird nämlich nur zugestimmt, wenn sich alles im finanziellen Rahmen bewegt.

7. Das Märchen von der „Augenhöhe mit dem Gymnasium“

Das wichtigste „Verkaufsargument“ für die GemS ist die Garantie aller Schulabschlüsse einschließlich des Abiturs. Schon bisher konnten Schülerinnen und Schüler von ERS und Gesamtschulen mit entsprechendem Notenbild nach Klasse 10 an die Oberstufe eines Gymnasiums oder eines Oberstufen-Verbunds aus mehreren Gesamtschulen wechseln und nach 9 Jahren Abitur machen. Geschafft haben das immer nur wenige, bestenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs (ausgehend von Klasse 5). Insbesondere die Gesamtschulen haben daher alles daran gesetzt, um diesen Anteil zu erhöhen und sich damit als echte Alternative gegenüber dem Gymnasium darstellen zu können. Dennoch bleibt der Weg zum Abitur über G 9 schwierig. Angesichts der zahlenmäßig weit überwiegenden Haupt- bzw. Mittlere-Reife-Schüler können die potentiellen Abiturienten zumindest bis Klasse 10 nur unzureichend auf die Oberstufe vorbereitet werden. Deren Fördermöglichkeiten sind einfach zu gering. Beim Übergang an eine gemeinsame Oberstufe der Gesamtschulen wird diesem Umstand in Klasse 11 noch irgendwie Rechnung getragen. Erfolgt hingegen der Wechsel an die Oberstufe eines Gymnasiums (mit Wiederholung der Klasse 10 wegen G 8), hat man als Gemeinschaftsschüler(in) deutlich schlechtere Karten. Da trifft es sich schlecht, dass ein Großteil der bisherigen Erweiterten Realschulen das Abitur nur im Verbund mit dem nächstgelegenen Gymnasium realisieren kann. Bis allerdings die ersten Gems-Klassen aus Jahrgang 2012/2013 soweit sind, gehen ja noch einige Jährchen ins Land. Darüber soll sich dann – gemäß alter saarländischer Tradition – der nächste oder übernächste Bildungsminister Gedanken machen …

2012: Das bildungspolitische Schaltjahr

2012 wird ein wichtiges Jahr für alle, die im Saarland am Bildungsprozess beteiligt sind. Durch die Einführung der Gemeinschaftsschule (GemS) zum 1. August müssen die Betroffenen (oder besser: Leidtragenden) sich wieder mit einer gravierenden Schulstrukturreform abfinden: Die Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen werden zu Gemeinschaftsschulen (ähnlich den bisherigen Gesamtschulen) zusammengefasst.

Die Begeisterung für diese Reform hält sich bisher trotz des enormen Werbeaufwands deutlich in Grenzen. Die Leute haben es satt, dass immer wieder am Schulsystem rumgedoktert wird und Bestehendes sich nie ungehindert entwickeln kann, weil mit der nächsten Landesregierung schon wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Die Skepsis gegenüber solchen Schulreformen ist im Saarland tief verwurzelt und hat begründete Ursachen. Eltern, Schüler und vor allem Lehrkräfte wissen, dass alle bisherigen vermeintlichen Reformen noch nie zu wirklichen Verbesserungen geführt haben. Und das ist ja auch kein Wunder, denn dieses hektische Streben nach Veränderung war im hoffnungslos überschuldeten Saarland noch nie wirklich auf die Absicht zurückzuführen, bessere Lernbedingungen und Bildungschancen zu schaffen. Tatsächlich standen immer finanzpolitische Erwägungen im Vordergrund. Alle Änderungen am Status Quo brachten zwar Einsparmöglichkeiten aber letztlich keine besseren schulischen Bedingungen. Durch die Einführung von G 8 (Abitur nach 8 Jahren) kann das Land nun den kompletten Jahrgang 13 einsparen. Selbst die Schließung von einem Drittel aller saarländischen Grundschulen unter dem damaligen Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) sollte als Reform verkauft werden. Einsparpotential bot auch die Abschaffung der Hauptschulen und nicht anders ist nun der Ersatz der Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen durch die Gemeinschaftsschule zu verstehen.

Jedoch der Umbau des dreigliedrigen in ein zweigliedriges Schulsystem ist viel weitreichender und gefährlicher als alle bisherigen Eingriffe. Die Einschränkung der Wahlmöglichkeiten auf zwei Schulformen (Gymnasium und Gemeinschaftsschule) könnte dazu führen, dass noch mehr Eltern mit ihren Kindern dem Saarland den Rücken kehren.

Wir werden uns daher im Entstehungsjahr der GemS verstärkt mit allen Aspekten der neuen Schulform auseinandersetzen. Unser nächstes Thema wird sich mit den Entstehungsbedingungen der Gemeinschaftsschule beschäftigen. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, warum die GemS mit Hilfe der Linken etabliert werden konnte. Danach folgt eine Übersicht über die Startbedingungen und die beabsichtigte Ausgestaltung der GemS.

Im Dateianhang dieses Beitrags finden Sie vorab die schon im Amtsblatt des Saarlandes veröffentlichte neue Schulordnung. Ansonsten bitten wir noch um etwas Geduld …

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„Gemeinsam“ auf dem Holzweg

Die Gemeinschaftsschule und die Inflation der Gemeinsamkeit
Der Flyer, mit dem das Bildungsministerium für die Gemeinschaftsschule wirbt, enthält ungefähr 30 mal die Begriffe „gemeinsam“ und „Gemeinschaft“. Wir kennen das aus der Werbebranche: zentrale, positiv besetzte Wörter werden so oft wiederholt, bis sie in allen Köpfen drin sind. Die Botschaft lautet: Gemeinschaftsschule hat etwas mit gemeinsam zu tun und Kinder, die dort hin gehen, lernen folglich gemeinsam – was immer das auch heißt. Und völlig inhaltsleere Sätze werden produziert wie der hier: „Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche, die gemeinsam lernen, umso mehr von- und miteinander lernen.“ Ebenso könnte man auch schreiben: „Studien belegen, dass gegen Abend mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen ist“.
Und genauso unreflektiert wird inzwischen die Gemeinschaftsschule von allen Befürwortern als Schule angepriesen, die „längeres gemeinsames Lernen“ ermögliche. Diese Behauptung wird entweder nachgeplappert oder bewusst als Täuschung eingesetzt. Kaum jemand macht sich die Mühe, diese Aussage auf ihren Gehalt und ihre Richtigkeit hin zu überprüfen.

Was bedeutet „längeres gemeinsames Lernen“? 
Längeres gemeinsames Lernen ist zunächst einmal das, was es so ziemlich überall auf der Welt gibt, nur nicht in Deutschland. Nur bei uns ist bereits nach der vierten Grundschulklasse Schluss mit dem gemeinsamen Lernen. Dann werden die Kinder im drei- oder zweigliedrigen Schulsystem aussortiert und auf Gymnasien, Realschulen, Gesamtschulen, Hauptschulen, Oberschulen usw. verteilt. In allen anderen Staaten bleiben die Kinder mindestens bis zur 8 Klasse zusammen, lernen also vom 1. bis zum 8. Schuljahr wirklich gemeinsam. Erst danach setzt die gymnasiale oder berufliche Bildung ein. Wenn wir also gemeinsames Lernen für uns reklamieren, dann betreiben wir mit dieser Bezeichnung im höchsten Maße Schindluder. Deutschland, schon seit Jahrzehnten von OECD, UNESCO, UNICEF, der EU-Kommission, den Vereinten Nationen und anderen Institutionen gescholten wegen seiner Schulpolitik der frühzeitigen sozialen Auslese, hat nicht das Recht, sich dieser Begrifflichkeit zu bedienen.
Je nach Bundesland gibt es bei uns allenfalls zarte Ansätze, dieses selektive und diskriminierende Bildungssystem teilweise zu überwinden, indem erst nach der 6. Klasse aufgeteilt wird.
Im Saarland hingegen hat sich die Festung Gymnasium unumstößlich etabliert. Weiterhin werden 10-jährige aussortiert, nur ab dem nächsten Schuljahr nicht mehr auf drei sondern nur noch auf zwei Schulformen (Förderschulen nicht mit gerechnet). 

Gibt es gemeinsames Lernen an der Gemeinschaftsschule?
Doch wie geht es jetzt weiter mit dem gemeinsamen Lernen? Auch an der Gemeinschaftsschule gibt es zunächst einmal die so genannte Orientierungsphase in Klasse 5 und 6. In diesen beiden Jahre haben die Schülerinnen und Schüler Zeit, wieder eine funktionierende Klassengemeinschaft aufzubauen. Doch danach ist schon wieder Schluss mit der Gemeinsamkeit. Durch die Einführung von leistungsbezogenen Kursen ab Klasse 7 (Grund- und Erweiterungskurse) erfolgt nun gewissermaßen die zweite Stufe der sozialen Auslese: Alle Schüler, die in den Grundkursen landen, wissen jetzt, dass sie tiefer nicht mehr fallen können. Was vorher noch an Gemeinsamkeiten vorhanden war, wird auf diese Weise wieder zunichte gemacht, auch wenn der Klassenverband formal bis zum 9. Schuljahr erhalten bleibt. Der gemeinsame Klassenunterricht in den so genannten Nebenfächern (Musik, Kunst, Sport, Religion, Arbeitslehre, Gesellschaftswissenschaften) kann die negativen Folgen dieser Trennung nicht auffangen. Viele Schülerinnen und Schüler, die jetzt am unteren Ende der Einstufung angelangt sind, empfinden nun die Klasse nicht mehr als einen Ort der Gemeinschaft, der gemeinsames Lernen möglich macht. Sie sondern sich zunehmend ab, stören häufig im Klassenverband, sehen sich als Verlierer. Die Chance, vielleicht doch noch in einen Erweiterungskurs zu kommen, ist dann erfahrungsgemäß rein theoretischer Natur.

Die Gemeinschaftsschule: Überblick und Kritik

Die Gemeinschaftsschule ist eine Gesamtschule mit Abstrichen
Bildungsminister Kessler hat am 2. November mit dem Entwurf einer Schulordnung der Öffentlichkeit erstmals die Details der Gemeinschaftsschule (GemS) vorgestellt. Die neue Schulform, so die offizielle Lesart, solle den betreffenden Schulen die Möglichkeit bieten, sich je nach Wunsch inhaltlich und pädagogisch mehr an der Erweiterten Realschule (ERS) oder an der Gesamtschule auszurichten. Eine solche Wahlmöglichkeit ist jedoch definitiv nicht vorhanden. Die GemS ist, mal abgesehen von wenigen kleinen Abweichungen, nahezu identisch mit der Gesamtschule. Das ist auch kein Wunder, denn die Gesamtschule war immer schon das Lieblingskind von Klaus Kessler. Schon in seiner Amtszeit als Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war in der GEW das Thema Gesamtschule ein absolutes Tabu-Thema. Niemand sollte und durfte daran rütteln. Obwohl Kessler als GEW-Vorsitzender die vielen Einschränkungen und Restriktionen, mit denen die Gesamtschule im Laufe der Jahre konfrontiert wurde, deutlich wahrgenommen hat, soll jetzt eine neue Schule mit wesentlich größerem Adressatenkreis nach diesem Muster entstehen. Und alle Eltern, deren Kinder nicht ans Gymnasium gehen sollen oder können, haben in Zukunft keine andere Wahl. Das ist eine klare Missachtung des Elternwillens, zumal es im Saarland noch 51 Erweiterte Realschulen gibt und die Gesamtschule lediglich 18 Standorte aufweist.

Differenzierung als Notlösung
Schulzweige für bestimmte Abschlüsse wie an der ERS (H-Klassen, M-Klassen) werden ab dem Schuljahr 2014/2015 nicht mehr entstehen. Der Klassenverband bleibt ab dem nächsten Schuljahr durchgängig in den Klassen 5 bis 9 erhalten. Erst in Klasse 10 wird neu „gemischt“, nachdem die Hauptschulabsolventen die Schule verlassen haben. Den unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen in den Klassen (mindestens 50 Prozent Hauptschulniveau) soll nun durch die sogenannte äußere Fachleistungsdifferenzierung Rechnung getragen werden. Das heißt, ab Klasse 7 werden in den Hauptfächern nach und nach Kurse mit verschiedenen Leistungsanforderungen eingerichtet. Ab dann findet in täglichem Wechsel Unterricht statt in drei verschiedenen Gruppen: Grundkurse (Leistungschwächere), Erweiterungskurse (Leistungsstärkere) und Klassenuntericht. 

Der Klassenverband wird also wegen des Kursunterrichts in der Woche mehrmals auseinandergerissen. Viele kritisieren das. Die Richtlinien der Kultusministerkonferenz für Gemeinschaftsschulen lassen jedoch keinen großen Spielraum. Lediglich im Fach Deutsch kann die äußere Fachleistungsdifferenzierung  entweder früher oder später einsetzen (Klasse 7 oder Klasse 8). In Biologie und einem der beiden Fächer Chemie oder Physik kann sie auch ganz entfallen. 

Um den Leistungsunterschieden im Klassenunterricht zu begegnen soll es demgegenüber auch eine innere Differenzierung geben. Also ein gruppenbezogener Unterricht auf verschiedenem Anspruchsniveau innerhalb der Klasse. Auch hier sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert. Denn innere Differenzierung (auch Binnendifferenzierung genannt) funktioniert in der Regel nur in kleineren Klassen. Doch die wird es an der Gemeinschaftsschule aller Voraussicht nach nicht geben, weil sich an den Höchstgrenzen nichts geändert hat. Diese liegen nach wie vor bei 29 Schülern in Klasse 5 und können später sogar noch steigen. Für die Binnendifferenzierung in den Hauptfächern ist nach bisherigen Erfahrungen sogar eine Lehrerdoppelbesetzung pro Klasse erforderlich.

Organisatorisches Chaos
Die hier nur kurz umrissenen Schwierigkeiten lassen schon erahnen, welches organisatorische Chaos in den nächsten Jahren auf die Schulen zurollt:

  • Unterrichtspläne können nicht mehr nach pädagogischen Gesichtspunkten erstellt werden (z.B. Sport möglichst in den letzten beiden Stunden). 
  • Die Springstunden häufen sich. 
  • Teilzeitlehrkräfte müssen oft auf ihren freien Tag verzichten.

Zuviele Maßgaben sind zu berücksichtigen. Das komplexe Kurssystem und vor allem der Oberstufen-Einsatz der Lehrkräfte sorgen für große Verwerfungen im Stundenplan. Die Oberstufen arbeiten im Verbund mit mehreren Gemeinschaftsschulen zusammen und sind in der Mehrzahl der Fälle nicht vor Ort. Die Unterrichtsplanung muss daher zusätzlich mit der jeweiligen Oberstufenschule abgeglichen werden.

Für die Lehrerkollegien an den Gesamtschulen wird sich nicht viel ändern. Sie sind diese Zustände gewohnt. Doch die Lehrkräfte und Schulleitungen der Erweiterten Realschulen werden sich erheblich umstellen müssen. Stundenermäßigungen für die Einarbeitung in die neue Schulform, wie das noch bei der Einführung der Gesamtschule der Fall war, sind bis jetzt nicht vorgesehen. Auch über die personelle Ausstattung mit Sozialarbeitern und anderen schulischen Hilfskräften liegen noch keine Angaben vor.

Doch das Ministerium setzt noch eins drauf: die Schulen werden jetzt gewissermaßen zu mehr Eigenständigkeit „verdonnert“. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie beispielsweise im Fach Deutsch schon in der 7. Klasse Kurse haben wollen oder erst in Klasse 8. Sie sollen entscheiden, ob für die angehenden Oberstufenschüler schon in der 9. Klasse oder erst in Klasse 10 Aufbaukurse eingerichtet werden und vieles mehr. Darüber beschließen muss die Schulkonferenz (mit Zweidrittelmehrheit) auf Vorschlag der Gesamtkonferenz – also ein äußerst komplexes und zeitaufwändiges Verfahren. Das alles soll die „Eigenständigkeit“ und „Selbständigkeit“ der Schulen stärken. Es geht aber wohl mehr darum, Aufgaben des Ministeriums auf die Schulen abzuwälzen. Zudem sichert sich die Schulverwaltung auf diese Weise ein hohes Maß an Flexibilität. Denn starre Vorgaben könnten zusätzliche Kosten verursachen. Wären z.B. in der 9. Klasse Aufbaukurse zwingend vorgeschrieben, müssten diese natürlich auch eingerichtet werden, wenn die Schülerzahl sehr gering ist, was wiederum vorteilhaft wäre für Schüler und Lehrer.  Fazit: Die Schulen sollen sich erst mal überlegen, was sie wollen, und dann wird entschieden, ob sie das auch dürfen. Und anstatt Wege zu finden, wie der ausufernde Verwaltungsaufwand reduziert werden kann, wird dem Ganzen noch eins drauf gesetzt.

Wir bleiben dabei: Das bisherige Konzept der Gemeinschaftsschule dient in erster Linie dem Ziel, Ressourcen einzusparen. Die saarländische Linke hätte sich niemals auf diesen faulen Kompromiss einlassen dürfen!

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