Die Einsamkeit des Deutschlehrers

Liebe Leserin, lieber Leser,
bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich in meinem Bildungsblog auch mal das Wort ergreife für die Berufsgruppe der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, der ich selbst angehöre. Die Überschrift dieses Beitrags ist, wie Sie vielleicht gemerkt haben, angelehnt an Alan Silitoes berühmten Roman: Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Dieser Titel ist mir sofort eingefallen, als ich zum ersten Mal über die Situation der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer nachgedacht habe. Es handelt sich also um einen sehr persönlichen Beitrag. Deshalb würde ich mich über eine Reaktion besonders freuen. Schreiben Sie einen Kommentar, wenn Sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder auch, wenn Sie anderer Meinung sind.

Arbeit und Frust
Mit Deutschlehrern, so hieß es noch vor 15 Jahren, könne man die Straße pflastern. Von einer „Deutschlehrerschwemme“ war gar die Rede. Heute sieht die Situation grundlegend anders aus. Die Begeisterung für das Fach Deutsch hält sich bei Lehrern wie Schülern sehr in Grenzen. Inzwischen sind Deutschlehrer Mangelware. Es spricht sich rum, dass Deutschunterricht vor allem eines bedeutet: viel Arbeit und Frust. Wer Deutsch unterrichtet, muss sich im Zeitalter der modernen Massenmedien tagtäglich mit den schlimmsten Auswüchsen von Sprachunfähigkeit auseinandersetzen. An vielen Schulen wird offen darum gekämpft, möglichst wenig Deutsch geben zu müssen.

Grundlegende Defizite
Ungefähr 80 Prozent aller Schüler, die von den Grundschulen kommen, liegen erfahrungsgemäß in ihrer Sprachentwicklung weit zurück und sind im Grunde genommen den Anforderungen des Deutschunterrichts nicht gewachsen. Diese Zahl beruht nicht auf einer repräsentativen Untersuchung und kann daher auch nicht verallgemeinert werden. Sie bezieht sich auf meine bisherigen Erfahrungen mit Schülern, die ich von der Grundschule übernommen habe. Doch die Kolleginnen und Kollegen berichten Ähnliches. Damit sollen jedoch auf keinen Fall die Grundschulen kritisiert werden. Sie können die grundlegenden sprachlichen Defizite schon lange nicht mehr ausgleichen. Überhaupt ist es mit dem Eintritt in die Schule meistens schon zu spät. Was in der frühkindlichen Phase beim Spracherwerb versäumt wurde, kann in der Schule kaum noch kompensiert werden. Im Gegenteil: Viele Kinder hören nach den ersten Misserfolgen ganz damit auf, für das Fach Deutsch noch etwas zu tun.

Anpassung nach unten
Das Schulsystem begegnet dieser Misere durch eine Anpassung an das allgemeine Niveau. Im Deutschunterricht gibt es diese Flexibilität, denn die Bewertung einer Leistung hängt immer noch stark von der persönlichen Einschätzung des Lehrers ab. Eine Standardisierung wäre hier auch kaum möglich. Zu vielfältig und vage sind die Leistungskriterien, zu unterschiedlich deren Einschätzung. Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer können sich bemühen, möglichst gerecht und objektiv zu werten. Jedoch die Einschätzung dessen, was objektiv und gerecht ist, ändert sich oft von Person zu Person. Pädagogische Freiheiten in der Notenbildung sind zwar einerseits ein Vorteil. Man kann besser differenzieren und auch stärker die persönlichen Belange der Schüler berücksichtigen (z.B. einen Migrationshintergrund). Sie führen jedoch langfristig zwangsläufig zu einer völligen Verflachung des Anspruchsniveaus. Um möglichst vielen Kindern gerecht zu werden, findet seit Jahren eine permanente Anpassung an den unteren Leistungsbereich statt, denn die Voraussetzungen der Schüler verschlechtern sich stetig. Beschleunigt wird dieser Prozess noch durch die sogenannte Drittelregelung. Immer noch wird im Saarland davon ausgegangen, dass es am Lehrer liegt, wenn mehr als ein Drittel einer Klassenarbeit unterm Strich ist. Solche Arbeiten dürfen sich nicht negativ auf den Leistungsstand auswirken und müssen im Regelfall wiederholt werden. Doch welcher Deutschlehrer wäre so verrückt und würde eine Arbeit nochmal schreiben lassen, für die er sich zuvor drei Wochen lang durch die Korrektur gequält hat. Er wird das Notenbild so verändern, dass es in das gewünschte Schema passt. Alles andere wäre Masochismus.

Die Qual der Korrekturen
Denn Deutscharbeiten zu korrigieren ist seit langem nicht mehr das, was es früher einmal war. Schlechte Arbeiten gab es zwar schon immer, aber niemals in der Masse wie heute. Eine gute Arbeit ist relativ schnell korrigiert, doch die guten Arbeiten werden immer seltener. In der Regel muss man sich mühselig durch die Massen der Unzulänglichkeiten vorwärts bewegen. Der durchschnittliche Zeitaufwand für die Korrektur einer Arbeit erhöht sich dadurch enorm. Viele sind verzweifelt und quälen sich von Arbeit zu Arbeit voran. Manche Deutschkolleginnen und -Kollegen empfinden beim Korrigieren schon körperliche Übelkeit. Das Schlimmste sind endlos lange Arbeiten, die endlos viele Fehler enthalten. Bei Schülern gibt es die weit verbreitete Ansicht, ihre Schreibleistung verbessere sich, wenn sie möglichst viel Text zu Papier bringen. Die Korrektur einer einzigen Arbeit dauert je nach Klassenstufe manchmal mehr als eine Stunde. Deutschlehrer, die nicht selten bis zu vier Klassen im Schuljahr unterrichten, haben daher im Prinzip nie frei. Alle Wochenenden und auch in den Ferien muss korrigiert werden. Ist das zweite Unterrichtsfach auch noch ein Korrekturfach, arbeitet man im Prinzip das Doppelte bis Dreifache eines Lehrers, der lediglich zwei Nebenfächer unterrichtet.

Gefährliche Fehlentwicklung
Wenn also früher bei der Entscheidung für das Studienfach Deutsch oftmals die Begeisterung für die Germanistik im Vordergrund stand, nehmen mittlerweile immer mehr Studierende Abstand vom Lehrerberuf mit diesem Fach, weil sich die unangenehmen Begleiterscheinungen herumgesprochen haben. Das ist einerseits eine verständliche Reaktion, andererseits aber auch eine gefährliche Entwicklung. Denn wir brauchen unbedingt mehr gut ausgebildete Deutschlehrkräfte um der zunehmenden sprachlichen Verarmung entgegenwirken zu können. Schüler, die die deutsche Sprache nur unzulänglich beherrschen, haben in allen Fächern Schwierigkeiten, in denen Inhalte vorwiegend durch Texte transportiert werden. Auch wer den Text einer Mathematikaufgabe nicht versteht, wird die Aufgabe letztlich nicht lösen können. Ein Großteil aller Unternehmen setzt einen sicheren Umgang mit der deutschen Sprache voraus. Mangelhafte Deutschkenntnisse sind inzwischen ein Hauptgrund, weshalb Jugendliche bei der Bewerbung um eine Lehrstelle abgewiesen werden.

Wo man ansetzen könnte
Es reicht aber nicht, nur mehr Deutschunterricht und mehr Deutschlehrer für die Schulen zu fordern. Die Förderung muss in frühester Kindheit ansetzen, vor allem im Alter von etwa 18 Monaten bis zum dritten Lebensjahr, wenn die sprachliche Aufnahmefähigkeit am größten ist. Eine gute Sprachentwicklung ist für die Zukunftschancen eines Kindes so immens wichtig, dass man den Eltern diese Aufgabe nicht allein überlassen sollte.
Es wird aber andererseits auch höchste Zeit, die überaus schwierige Arbeit der Deutschlehrkräfte zu würdigen und angemessen zu honorieren. Sie müssen in besonderem Maße gesellschaftliche Fehlentwicklungen ausbaden und werden mit ihren Problemen völlig allein gelassen. Im Saarland ist es mittlerweile viel schicker, in Kindergärten und Grundschulen Französisch anzubieten als etwas gegen die zunehmenden sprachlichen Defizite in der Muttersprache Deutsch zu unternehmen. Hunderte von Hauptschülern in Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen müssen sich mit Englisch oder Französisch rumschlagen, obwohl ihnen schon im Deutschen die Grundlagen fehlen. Man darf sich daher auch nicht wundern, wenn das Interesse an Deutsch verloren geht und stattdessen der Unterricht gestört wird. Unsere bildungspolitischen Entscheidungsträger wollen davon nichts wissen. Es passt nicht ins Konzept der frohen Botschaften. Fehlentwicklungen zuzugeben ist unpopulär. Damit kann man sich nicht profilieren.
Und der Deutschlehrer bleibt einsamer denn je.