Zusatzförderung ist keine Inklusion!

Das Saarland will die Inklusion in einem Hauruck-Verfahren einführen. In einem ersten Schritt wurden mit Beginn des nächsten Schuljahrs zunächst die Grundschulen kurzerhand zu Inklusionsschulen erklärt. Als Rechtfertigung für diese spezielle saarländische Vorgehensweise diente stets der Hinweis auf die Praxis der sonderpädagogischem Zusatzförderung, wie sie schon seit vielen Jahren an Grundschulen und Gemeinschaftsschulen (ehemals Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen) gehandhabt wird.

inklusionDazu wird von den zuständigen Bildungspolitikern der Regierungskoalition immer wieder eine Statistik bemüht, wonach 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf schon bisher an Regelschulen unterrichtet würden. Inklusion, so der Tenor, habe demnach bei uns eigentlich schon immer stattgefunden. Tatsächlich hat jedoch die sonderpädagogische Zusatzförderung rein gar nichts mit Inklusion zu tun. Sie betrifft vorwiegend nichtbehinderte Kinder, die zum Zeitpunkt der Einschulung noch Lernrückstände aufweisen, die ausgeglichen werden sollen. Die Schüler erhalten etwa 2 bis 4 Stunden pro Woche eine Art Nachhilfe, die von Förderlehrern durchgeführt wird. Diese Praxis als Inklusion zu bezeichnen wäre jedoch vermessen, denn sie spielt sich meist außerhalb des Klassenverbands ab und betrifft auch nur die problematischen Fächer (in der Regel Deutsch oder Mathematik). Sie entspricht nicht dem, was die UN-Menschrechtskonvention unter Inklusion versteht und kann allenfalls als Integration bezeichnet werden (s. Bild).

Traue nie einer Statistik …
Die 60-Prozent-Statistik verschweigt darüber hinaus, dass gerade im Saarland der Anteil der Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf besonders groß ist. Und sie verdeckt zudem einen besonders peinlichen Tatbestand: Sonderpädagogische Zusatzförderung findet bei uns weniger an den Grundschulen, dafür aber um so häufiger an den weiterführenden Schulen statt. In vielen Fällen werden Kinder mit Lerndefiziten noch irgendwie durch die Grundschulen durchgeschleust. Erst an der weiterführenden Schule, in Klasse 5, stellt sich dann heraus, dass die Lernrückstände viel zu groß geworden sind. Es gibt daher an den Gemeinschaftsschulen inzwischen Klassen, in denen für mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ein Antrag auf sonderpädagogische Förderung gestellt werden muss. Hier werden die schwerwiegenden Mängel im deutschen Bildungssystem mit der verfrühten Trennung der Kinder ab dem 10. Lebensjahr besonders deutlich. Denn Förderung sollte so früh wie möglich einsetzen. Sie wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger.

Es geht nur noch ums Geld
Die Stoßrichtung im Saarland scheint eindeutig: Förderschulen sollen so weit wie möglich abgebaut werden, denn sie sind wegen der kleinen Klassen und der aufwändigen Ausstattung wesentlich teurer als die Regelschulen. Die Inklusion dient dabei als Hebel. Sie soll Förderschulen überflüssig machen, ist dabei aber in erster Linie Mittel zum (Spar-)Zweck. Ihre bildungs- und gesellschaftspolitische Bedeutung steht bei uns erst an zweiter Stelle.

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