CDU riskiert den Lehrer-Kahlschlag

Hervorgehoben

Das klassische CDU-Lehrerbild:
Einer spricht, alle hören zu

Die saarländische CDU zeigt ihr wahres Gesicht. Der Affront gegen den unbequemen Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) ist jetzt offen und deutlich. Die Schwarzen begnügen sich nicht mehr damit, Commerçon gelegentlich Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Inzwischen wird mit offenem Visier gekämpft.

Wenn`s um Geld geht, lässt die CDU nicht mit sich spaßen. Auch dann nicht, wenn es um Geld geht, das unseren Kindern zugute kommen soll. Bisher hat sich die Saar-CDU bemüht, ihre bildungsfeindliche Grundhaltung nach Möglichkeit nicht offen zutage treten zu lassen. Wichtige Themen wie z.B. eine möglichen Rückkehr zu G9, dem Abitur nach 9 Jahren, wurden einfach totgeschwiegen. Die Elterninitiative G9jetzt ließ man mit einem Volksbegehren auflaufen, das niemals erfolgreich sein konnte. Die CDU als Koalitionspartner hat es noch nicht einmal für nötig gehalten, sich mit dem Thema inhaltlich auseinander zu setzen. Stattdessen wurde die saarl. CDU-Abgeordnete im Bundestag, Nadine Schön, von der Leine gelassen, um mal ordentlich auf die Pauke zu hauen. Frau Schön wurden Abitionen gemacht, Bildungsminister Commerçon in der nächsten Legislaturperiode abzulösen. In dieses Konzept passt auch die CDU-Strategie, Veranstaltungen für die Eltern von Schulkindern durchzuführen, um dabei offen oder verdeckt gegen den Minister zu intrigieren.
Das Saarland ist immer noch ein Notlagen-Land mit einem riesigen Schuldenberg. Bildungsminister Commerçon muss angesichts dieser Ausgangssituation auf kleiner Flamme kochen. Doch im Gegensatz zu seinen früheren saarländischen CDU-Amtskollegen will er sich nicht damit profilieren, auf Kosten der Bildung Lehrerstellen einzusparen. Angesichts der jüngsten Diskussion muss man jedoch feststellen, dass die CDU immer noch nichts dazu gelernt hat. Sie möchte Lehrerstellen abbauen statt neue zu schaffen. In den Köpfen der Konservativen spuckt immer noch eine Vorstellung von Bildung, die noch aus dem letzten Jahrhundert stammt. Wir haben es heute mit Schülerinnen und Schülern zu tun, die mit den traditionellen Methoden nicht mehr unterrichtet werden können. Kleine Klassen sind zwingend erforderlich. Inklusion und binnendifferenzierter Unterricht müssen gewährleistet sein. In jeder Schule sollte es mindestens eine Stelle für Schul-Sozialarbeit geben. Klassengrößen von bis zu 30 Kindern sind unter diesen Umständen eine Katastrophe: Lehrkräfte werden krank. Unterrichsausfälle häufen sich. Sehr viele gehen mit Einkommensverlusten vorzeitig in den Ruhestand. In dieser Situation Lehrerstellen abbauen zu wollen, bedeutet für die betroffenen Schulen so etwas wie eine Kriegserklärung.

Landeselternvertretung Gymnasien äußert sich zu Unterrichtsausfall und G9

Die Landeselternvertretung der saarländischen Gymnasien informiert in einem Brief an Eltern und Erziehungsberechtigte zu den Themen Unterichtsausfall und dem Volksbegehren für G9. Hier der Text im Original-Wortlaut:

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130 neue Lehrer für die Grundschulen??

Bildungsminister Ulrich Commerçon rechnet angesichts der hohen Zahl von Flüchtlingskindern für das laufende Schuljahr mit 90 zusätzlichen Klassen. Statt der zunächst vorgesehenen Einsparung von Lehrerstellen sollen nun an den Grundschulen 130 neue Lehrkräfte eingestellt werden.

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Zur Lehrersituation im Saarland (Teil 2)

Lehrer haben keine Lobby

Haben eigentlich die Lehrer im Saarland schon mal gestreikt? Ich kann mich nicht erinnern. Gründe für den Arbeitskampf gäbe es genug. Wer im Saarland Lehrer wird, muss damit rechnen, in den ersten Berufsjahren bei geringer Lohneinstufung mit Teilzeit- oder befristeten Verträgen abgespeist zu werden. Das Saarland gehört außerdem bundesweit zu den Schlusslichtern, was Klassengrößen und Lehrerarbeitszeit angeht. Kein anderes Bundesland gibt so wenig für seine Schüler aus. Auch der Anteil schwieriger und verhaltensauffälliger Kinder ist überdurchschnittlich hoch.
Die Lehrkräfte schimpfen viel über ihre Arbeitsbedingungen, doch sie tun es meist nur untereinander oder hinter vorgehaltener Hand. Ändern tut sich nichts. Von Streit- bzw. Streikkultur ist an saarländischen Schulen wenig zu spüren.

Miserable Angestelltenverträge oder Verbeamtung?
Diese Zurückhaltung hat jedoch nichts mit Duckmäusertum zu tun. Sie beruht auf ganz konkreten und nachvollziehbaren Ursachen. Der Hauptgrund liegt auf der Hand: 90 Prozent aller saarländischen Lehrer sind Beamte. Sie dürfen nicht streiken. Nebenbei bemerkt: Hier verstoßen die Bundesländer eindeutig gegen geltendes EU-Recht, das Beamten ausdrücklich ein Streikrecht gestattet.
Die verbleibenden 10 Prozent der Lehrkräfte arbeiten daran, ebenfalls verbeamtet zu werden. Sie wollen verständlicherweise so schnell wie möglich aus dem schlecht bezahlten Angestelltenverhältnis rauskommen. Der Unterschied zum Beamtengehalt beträgt bei einer Vollzeit-Stelle mindestens 600 Euro netto. Die Angestelltenverträge des Landes sind zudem in den meisten Fällen Teilzeitverträge, die so schlecht bezahlt sind, dass man davon keine Familie ernähren kann. Wer würde unter diesen Umständen das Risiko eingehen, sich bei der Schulleitung oder beim Ministerium unbeliebt zu machen? Nein, es wird alles geschluckt: die schlechte Bezahlung, der chaotische Stundenplan, der Einsatz in den schlimmsten Klassen.
Glücklich können sich allenfalls diejenigen schätzen, die sogenannte Mangelfächer unterrichten. Das sind Fächer, für die dringend Lehrer gebraucht werden. Solche Lehrkräfte werden oft schon direkt mit einer Verbeamtung eingestellt. Andere müssen warten und hoffen, oft jahrelang. Alles hängt vom Wohlwollen der Landesregierung ab. Hat man die Verbeamtung dann endlich geschafft, verbessert sich zwar die wirtschaftliche Situation, doch damit werden dann auch endgültig alle Möglichkeiten der Selbstbestimmung hinfällig. Nur noch der Staat entscheidet. Arbeitszeitverlängerungen, Lohnkürzungen, Nullrunden, steigende Selbstbeteiligungen bei den Krankheitskosten, Zwangsversetzungen, das alles kann gegen den Willen der Betroffenen verfügt werden. Die Gewerkschaften werden zwar ihren Widerstand anmelden und versuchen, die schlimmsten Nachteile abzumildern. Aber ihre wirksamste Waffe, der Streik, kann nicht eingesetzt werden. Auf diese Weise konnte das Saarland beispielsweise in den letzten 20 Jahren bereits drei mal ohne nennenswerten Widerstand die Lehrerarbeitszeit erhöhen.

Gewerkschaften und Parteienfilz
Die Interessen der Lehrkräfte werden im Saarland durch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie den Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) vertreten. Um allerdings wirklich etwas bewegen zu können, wäre es nötig, dass beide an einem Strang ziehen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ideologisch verblendet, sieht jeder den anderen vor allem als Konkurrent und man wird nicht müde, sich gegenseitig Unfähigkeit oder Tatenlosigkeit vorzuwerfen. Hier wird das geradezu unerträgliche Parteiengeklüngel in unserem kleinen Bundesland ganz offensichtlich. Die GEW neigt stark zu SPD, der SLLV eher zum konservativen Lager. Daraus entsteht eine irrwitzige Situation: Je nach dem, von welcher Partei das Bildungsministerium geführt wird, schweigt entweder der SLLV oder die GEW. Es fällt auf, dass unter der großen Koalition mit einem SPD-Bildungsminister von der GEW nicht mehr viel zu hören ist. Stellungnahmen zu brisanten Themen werden vermieden. Die meisten Verlautbarungen sind nach folgendem Muster gestrickt: „Wir begrüßen die Entscheidung des Bildungsministers, aber …“ Dann folgen ein paar laue Vorbehalte und – nicht zu vergessen – die abschließende Bemerkung, in der noch die eingeschlagene Richtung gelobt wird. Was hier jedoch einzig und allein stimmt, ist die Parteirichtung. Denn nun ist auf einmal die Rückkehr zu G9 „nicht mehr angebracht“ und es gibt auch nur verhaltene Einwände gegen die Einführung der Inklusion mit der Brechstange

Eine Schulpolitik von oben herab nach preußischem Muster und Gewerkschaften als zahnlose Tiger, verfangen im Gestrüpp des Parteienfilz, sind die schlechtesten Voraussetzungen für die Entstehung guter Bildung. Die Schulen werden von einer Bürokratie verwaltet, die in erster Linie die rigiden Sparvorgaben der Politik umsetzen muss. Klassengröße, Lehrereinsatz, Lerninhalte und Fächerkanon sind strengen Richtlinien unterworfen. Die Lehrkräfte können ihre Arbeitsbedingungen nicht selbst bestimmen, obwohl sie am besten wissen, was nötig wäre. Sie wissen nie genau, was auf sie zukommt und müssen zu Beginn jedes neuen Schuljahrs damit rechnen, dass ihnen wieder neue Aufgaben und Verpflichtungen auferlegt werden. Die längst fällige Wende in der saarländischen Schulpolitik kann nur von innen heraus gelingen. Doch davon sind wir Lichtjahre entfernt.

Zur Lehrersituation im Saarland

Die Lehrer-Feuerwehr – ein Instrument der Hilflosigkeit

Während einer saarländischen Landtagsdebatte zum Thema Unterichtsausfall kritisierte der ehemalige saarländische Bildungsminister und Grünen-Abgeordnete Klaus Kessler den hohen Anteil des strukturellen Unterrichtsausfalls an saarländischen Berufsschulen. Damit gemeint ist Unterricht , der in der Stundentafel vorgesehen ist, jedoch mangels Vertretungskräften nicht gehalten werden kann, also komplett ausfällt. Bildungsminister Commerçon bemühte sich redlich, diese Kritik zu entkräften und verwies auf eine Erweiterung der sogenannten Lehrer-Feuerwehr um 72 Prozent (!) auf 389 Stellen.

Armutszeugnis, aber kein Erfolg

Das sollte eine Erfolgsbilanz sein, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Denn wer den Schulbetrieb kennt, der weiß: wenn solche Aushilfskräfte immer häufiger eingesetzt werden müssen, dann ist die gesamte Unterrichtsversorgung marode. Eine gut personalisierte Schule braucht keine Lehrerfeuerwehr.

Die „mobile Lehrerreserve“ ist eine besonders schlimme Form staatlicher Ausbeutung. Junge Leute mit wenig Erfahrung, meist mit befristeten Billig-Verträgen, werden sozusagen den Schülern zum Fraß vorgeworfen. Sie sind frei verfügbare Lückenbüßer. Man steckt sie mehr oder weniger willkürlich in die Stunden, in denen gerade Lehrer fehlen. Meistens geht es nur darum, die Schüler irgendwie zu beschäftigen. Hauptsache, es steht etwas im Klassenbuch. Feuerwehrlehrer können froh sein, wenn sie – beispielsweise als Schwangerschaftsvertretung – eine Klasse über mehrere Monate hinweg durchgängig unterrichten dürfen. Doch ihr Einsatz ist meist nicht mehr als ein kurzes Gastspiel. Die Kinder wissen das und nehmen keine Rücksicht. Unterrichtsstörungen und Disziplinlosigkeit sind an der Tagesordnung. Die Unterrichtsqualität leidet.

Das Saarland verliert im Länderwettbewerb

Je mehr Feuerwehrkräfte erforderlich sind, desto schlimmer ist es um die Lehrerversorgung einer Schule bestellt. Es gibt dann entweder zu wenig fest beschäftigte Lehrkräfte oder der Krankenstand im Kollegium ist dauerhaft zu hoch. Oft trifft auch beides zu. Hauptursache für dieses Dilemma sind die Schwierigkeiten des Saarlandes, geeignete Lehrkäfte zu finden bzw. zu bezahlen. Viele gut ausgebildete Lehrer, die nicht ortsgebunden sind, gehen in ein anderes Bundesland mit besserer Eingangsbesoldung, mit festem Vertrag und eventuell sogar mit der Zusage einer Verbeamtung. Das hat gravierende Folgen für den saarländischen Bildungsstandort: Der Lehrereinsatz erfolgt hierzulande kaum noch nach pädagogischen Gesichtspunkten. Die Lehrkräfte werden bei der Planung des Schuljahrs oftmals willkürlich verheizt, nur damit die Stundentafel irgendwie eingehalten werden kann. Sie müssen häufiger als in anderen Bundesländern fachfremden Unterricht erteilen (in einem Fach, das sie nicht studiert haben). Oder sie werden überwiegend oder ausschließlich nur in einem arbeitsintensiven Hauptfach eingesetzt, weil dort Fachlehrkräfte fehlen (Beispiel: die Lehrerin für Deutsch und Religion, die aber nur Deutsch unterrichten darf). Zudem erhöhen sich auch die Vertretungsstunden, die zusätzlich vom Stammpersonal gehalten werden müssen.

Teufelskreis

Im Zuge dieser Mehrbelastungen entstehen hohe Unterrichtsausfälle wegen Überforderung und Burnout. Ein Teufelskreis, denn nun sind wiederum mehr Feuerwehr-Lehrkräfte erforderlich. Doch deren verstärkter Einsatz trägt nichts dazu bei, diese personellen Schwierigkeiten zu beseitigen. Im Gegenteil: die Missstände werden zementiert und nach außen hin wird nur der Schein einer funktionierenden Unterrichtsversorgung gewahrt.

Saarländische Schulen brauchen dringend mehr fest beschäftigte und qualifizierte Lehrkräfte in allen Fächern. Die Lehrerfeuerwehr ist zwar billig, aber auf Dauer keine Lösung. Unter diesen Umständen, wie geplant, noch 588 Lehrerstellen einzusparen, wäre sicherlich die schlechteste aller Lösungen.

„Neue Freiheiten“ im neuen Schuljahr

„Freiheit ist kein Privileg, das verliehen wird, sondern eine Gewohnheit, die erworben werden muss.“ (Henry George)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

spüren Sie schon etwas von den neuen Freiheiten? Man ist ja in einem rettungslos verschuldeten Bundesland als Bildungs-Blogger quasi der Nörgler vom Dienst. Die frohen Botschaften sind dünn gesät und ein neues Schuljahr beginnt für die Schulen und Lehrkräfte fast immer mit zusätzlichen Belastungen. Doch diesmal war ich zunächst angenehm überrascht:  Die Schulen (Berufsschulen noch ausgenommen) sollen mit neuen Freiheiten ausgestattet werden! An einer solchen Meldung, verbreitet als großformatige Überschrift in der Saarbrücker Zeitung, kann doch nichts Schlechtes dran sein. Doch Sie werden es schon ahnen: der Pferdefuß lässt nicht lange auf sich warten. Bei genauem Hinsehen konnte man der euphorischen SZ-Berichterstattung  auch entnehmen, dass wohl nicht alle so glücklich sind über die neu gewonnenen Rechte. Die Lehrerverbände übten verhaltene Kritik. Das heißt, der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) wagte als einziger, diese Freiheiten in Frage zu stellen. Von der GEW war nichts zu hören. So ganz nebenbei: Wo ist eigentlich die GEW? Falls sie jemand findet, bitte ich um Rückmeldung.

Gegen zusätzliche Freiräume für die Schulen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Damit sie jedoch ausgeübt werden können, entstehen neue Verpflichtungen für das Personal. Und das sind an den Schulen überwiegend die Lehrkräfte. Soll beispielsweise eine neue Pausenregelung eingeführt werden, wird die Schulleitung das sicherlich nicht tun, ohne Eltern, Lehrer und Schüler mit einzubeziehen. Es müssen also Vorschläge erarbeitet werden, Besprechungen finden statt und die neue Pausenregelung sollte von einer breiten Mehrheit aller Betroffenen getragen werden.

Alle zusätzlichen Freiräume und Freiheiten müssen immer wieder erarbeitet und umgesetzt werden. Doch dafür fehlt das Personal. Ich muss daran erinnern: Das „Kerngeschäft“ der Lehrkräfte ist der Unterricht und alles, was damit zusammenhängt (Vorbereitung, Nachbereitung, Korrekturen usw.). Doch ausgerechnet dafür bleibt immer weniger Zeit. Die zusätzlichen Aufgaben nehmen seit Jahren zu. Konferenzen, Dienstbesprechungen, Arbeitskreise, Fortbildungen, Eltern- und Schülergespräche, Klassenfahrten, Zeugnisse schreiben – der Umfang der Zusatzverpflichtungen hat sich inzwischen so aufgebläht, dass der Unterricht darunter leidet. Das Aufgabenfeld eines Lehrers ist heute nahezu beliebig, doch seine Bezahlung richtet sich ganz allein nach der Anzahl der zu unterrichtenden Stunden. Die wiederum wurden  bei uns in den letzten 20 Jahren schon drei mal erhöht und sind bundesweit mit am höchsten. An Gemeinschaftsschulen müssen immer noch 27, an Gymnasien 26 und an den Grundschulen 28,5 Stunden pro Woche gehalten werden. Und zudem: Was rechtfertigt eigentlich die Unterschiede, die hier gemacht werden? Der Unterricht an den Gemeinschaftsschulen ist mit Sicherheit nicht einfacher als am Gymnasium.

Mehr Selbstbestimmungsrechte sind schön und gut. Doch dann muss die Politik auch die erforderlichen Ressourcen für deren Ausübung bereitstellen. Es darf nicht sein, dass den saarländischen Lehrkräften neben der hohen Unterrichtsverpflichtung noch unbegrenzt zusätzliche Lasten aufgebürdet werden können.

Im Saarland wird seit Jahren sehr viel über das Thema Lehrergesundheit geredet. Aber nichts passiert. Es gibt keine Altersregelung für den Übergang in den Ruhestand. Es ist seit langem bekannt, dass bei uns besonders viele Kolleginnen und Kollegen krank oder frustriert das Handtuch werfen und mit großen finanziellen Einbußen vorzeitig in den Ruhestand gehen. Andere flüchten in die Teilzeit, was aber oftmals nicht viel nützt. Dadurch wird nur der Umfang des Unterrichts reduziert. Alle anderen Verpflichtungen (z.B. als KlassenlehrerIn) bleiben bestehen.

Es ist eine geschickte Strategie, von Rechten zu sprechen, jedoch Verpflichtungen zu meinen. Der Regelungsbedarf wird quasi von der Ebene der Verwaltung auf die der Schulen übertragen. Und die  neuen Rechte hören spätestens dort auf, wo`s ums Geld geht.

Koalitionsvertrag Teil 2: Schul- und Bildungspolitik

Der Koalitionsvertrag enthält zum Thema Schul- und Bildungspolitik überwiegend reine Absichtserklärungen, allenfalls Leitlinien, von denen man zwar am Ende einer Regierungszeit überprüfen kann, was davon eingehalten wurde, die sich jedoch nicht erzwingen lassen.
Es ist insofern bezeichnend, dass in dem Vertragswerk mit keinem Wort erwähnt wird, wie das Hauptproblem, die katastrophale Personalisierungsnot an den saarländischen Schulen, bewältigt werden kann.

Lehrermangel
Es gibt auf jeden Fall schon mal eine Menge guter Vorsätze: Für die Grundschulen werden Klassengrößen von 22 Kindern (bisher 29) angestrebt, an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen soll die Schülerzahl in den Klassen 5 und 6 maximal 25 (bisher 29) und ab Klasse 7 bis zum Eintritt in die Oberstufe dann höchstens 27 (bisher 30, in Klasse zehn 33) betragen. Für die Gemeinschaftsschulen sind in der Einführungsphase (bis 2015) sechs Deputatsstunden vorgesehen, um ein pädagogisches Konzept zu entwickeln. Auch der hohe strukturelle Unterrichtsausfall an den saarländischen Berufsschulen soll abgebaut werden.
Würden diese Pläne tatsächlich umgesetzt, entstünde ein enormer Mehrbedarf an Lehrkräften. Doch wo soll das zusätzliche Personal her kommen, wenn schon jetzt – trotz Schülerrückgang – die Unterrichtsversorgung an vielen Schulen nicht mehr ausreichend gewährleistet ist? Immer mehr Unterricht wird im Saarland durch prekäre Arbeitsverhältnisse (Studenten, Seiteneinsteiger, Lehrer ohne Referendariat usw.) abgedeckt. Referendarinnen und Referendare werden zunehmend für den normalen Unterricht verplant (oft an mehreren Schulen), obwohl sie in der Ausbildung sind. Feuerwehrlehrkräfte kommen verstärkt zum Einsatz, sofern es sie überhaupt gibt.

Schlechtere Arbeitsbedingungen
Neu ausgebildete Lehrkräfte finden im Saarland denkbar schlechte Arbeitsbedingungen vor. Das Einstiegsgehalt ist immer noch um bis zu 350 Euro geringer als in anderen Bundesländern. Lediglich an den Berufsschulen, wo der Unterrichtsausfall am größten ist, wurde inzwischen auf diese Benachteiligung verzichtet.
Wer im Saarland anfängt, muss damit rechnen, in den ersten Berufsjahren bei geringer Lohneinstufung mit Teilzeit- oder befristeten Verträgen abgespeist zu werden.
Das Saarland gehört außerdem bundesweit zu den Schlusslichtern, was Klassengrößen und Lehrerarbeitszeit angeht. Kein anderes Bundesland gibt so wenig für seine Schüler aus. Auch der Anteil schwieriger und verhaltensauffälliger Kinder ist überdurchschnittlich hoch.

Überalterung und fehlende Altersteilzeitregelungen
Das Saarland hat bundesweit die ältesten Lehrer. 74 Prozent sind älter als 45 Jahre – die Hälfte sogar älter als 50. In keinem anderen Bundesland geben so viele Lehrkräfte vorzeitig auf. 38,9 Prozent erreichen wegen Dienstunfähigkeit nicht ihr Pensionsalter und müssen unter hohen finanziellen Einbußen vorzeitig in den Ruhestand gehen.
Das alles hat verheerende Folgen für die Unterrichtsversorgung. Der Krankenstand ist besonders hoch. Die Stunden der fehlenden Lehrkräfte müssen jedoch vertreten werden. Wer demnach selten krank ist, wird dafür bestraft. Mehrarbeit ist Pflicht und muss in bestimmtem Maße unentgeltlich geleistet werden. Das führt zu Überlastung und Frust. Folge: Der Krankenstand steigt zusätzlich. So entsteht ein Teufelskreis, der nur durch wirksame Altersteilzeitregelungen durchbrochen werden könnte. Diese wiederum fehlen im Saarland nahezu völlig. Es gibt lediglich eine Stundenermäßigung von maximal drei Stunden (ab einem Alter von 60 Jahren) bei einer Lehrverpflichtung von durchschnittlich 27 Unterrichtsstunden pro Woche. Das reicht jedoch nicht. Üblich sind Regelungen wie beispielsweise eine Reduzierung der Arbeitszeit auf die Hälfte bei 80 Prozent des Lohns (Bundesbeamte).

Das sind gewaltige Aufgaben, denen sich der neue Bildungs- und Kulturminister Ulrich Commerçon stellen muss.
Wir wünschen ihm viel Erfolg und ein glückliches Händchen!

Große Koalition und die möglichen Folgen

 

Was eine große Koalition bildungspolitisch anrichten kann, führt uns das Land Thüringen vor

 

Die bundesweit erste und bisher einzige Jamaika-Regierung sollte ein Experiment sein und ist nach etwas mehr als 2 Jahren kläglich gescheitert. Obwohl wir uns von dem Jamaika-Desaster immer noch nicht so richtig erholt haben, soll die nächste Regierung schon wieder ein Experiment werden. Es heißt große Koalition, also ein Regierungsbündnis aus CDU und SPD. Etwas, was es im Saarland in der Form noch nie gab, was sich viele Saarländerinnen und Saarländer bisher schlichtweg auch nicht vorstellen konnten. War die Jamaika-Regierung allerdings bundesweit noch etwas völlig Neues, reicht nun ein Blick über den Zaun, um zu sehen, wie die Bildungspolitik einer großen Koalition bei uns aussehen könnte.

Das thüringische Negativ-Beispiel Bestes Anschauungsobjekt für das Saarland ist dabei das Bundesland Thüringen. Dort besteht ein ähnliches Kräfteverhältnis der Parteien. Der dortige SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie hätte nach der Wahl 2009 ohne Not Ministerpräsident einer rot-roten Regierung werden können. SPD und Linke hatten zusammen kapp 46 Prozent der Wählerstimmen. Es hätte für die CDU (31 Prozent) niemals gereicht, selbst wenn sie sich noch die FDP und die Grünen mit ins Boot genommen hätte. Matschie entschied sich jedoch – ähnlich unerwartet wie Hubert Ulrich (Grüne) – für eine Koalition mit der CDU und riskierte damit sogar eine Spaltung seiner Partei. Er ist jetzt zwar kein Ministerpräsident, aber dafür so ziemlich der unbeliebteste Kultusminister der Republik. Dem Land Thüringen fehlen die Lehrkäfte – genauso wie im Saarland. Laut Koalitionsvertrag sollten jährlich 500 neue Vollzeitstellen geschaffen werden. Doch seit dem Start von Schwarz-Rot sind in Thüringen 1500 Lehrerstellen weniger registriert als zuvor. Bis 2020 sollen weitere 4000 Stellen zusätzlich abgebaut werden. Und es gibt einen ganz deutlichen Trend, der auch im Saarland zu beobachten ist: Das pädagogische Personal wird mit Hungerlöhnen abgespeist. Eine GEW-Studie fand beispielsweise heraus, dass 47 Prozent der Horterzieherinnen bei den Kommunen und 30 Prozent beim Land so wenig verdienen, dass sie davon nicht leben können. Die schwarz-rote thüringische Landesregierung setzt auf Flickschusterei und Ausbeutung – keine schönen Aussichten für eine große Koalition im Saarland.

Die Gemeinschaftsschule: Überblick und Kritik

Die Gemeinschaftsschule ist eine Gesamtschule mit Abstrichen
Bildungsminister Kessler hat am 2. November mit dem Entwurf einer Schulordnung der Öffentlichkeit erstmals die Details der Gemeinschaftsschule (GemS) vorgestellt. Die neue Schulform, so die offizielle Lesart, solle den betreffenden Schulen die Möglichkeit bieten, sich je nach Wunsch inhaltlich und pädagogisch mehr an der Erweiterten Realschule (ERS) oder an der Gesamtschule auszurichten. Eine solche Wahlmöglichkeit ist jedoch definitiv nicht vorhanden. Die GemS ist, mal abgesehen von wenigen kleinen Abweichungen, nahezu identisch mit der Gesamtschule. Das ist auch kein Wunder, denn die Gesamtschule war immer schon das Lieblingskind von Klaus Kessler. Schon in seiner Amtszeit als Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war in der GEW das Thema Gesamtschule ein absolutes Tabu-Thema. Niemand sollte und durfte daran rütteln. Obwohl Kessler als GEW-Vorsitzender die vielen Einschränkungen und Restriktionen, mit denen die Gesamtschule im Laufe der Jahre konfrontiert wurde, deutlich wahrgenommen hat, soll jetzt eine neue Schule mit wesentlich größerem Adressatenkreis nach diesem Muster entstehen. Und alle Eltern, deren Kinder nicht ans Gymnasium gehen sollen oder können, haben in Zukunft keine andere Wahl. Das ist eine klare Missachtung des Elternwillens, zumal es im Saarland noch 51 Erweiterte Realschulen gibt und die Gesamtschule lediglich 18 Standorte aufweist.

Differenzierung als Notlösung
Schulzweige für bestimmte Abschlüsse wie an der ERS (H-Klassen, M-Klassen) werden ab dem Schuljahr 2014/2015 nicht mehr entstehen. Der Klassenverband bleibt ab dem nächsten Schuljahr durchgängig in den Klassen 5 bis 9 erhalten. Erst in Klasse 10 wird neu „gemischt“, nachdem die Hauptschulabsolventen die Schule verlassen haben. Den unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen in den Klassen (mindestens 50 Prozent Hauptschulniveau) soll nun durch die sogenannte äußere Fachleistungsdifferenzierung Rechnung getragen werden. Das heißt, ab Klasse 7 werden in den Hauptfächern nach und nach Kurse mit verschiedenen Leistungsanforderungen eingerichtet. Ab dann findet in täglichem Wechsel Unterricht statt in drei verschiedenen Gruppen: Grundkurse (Leistungschwächere), Erweiterungskurse (Leistungsstärkere) und Klassenuntericht. 

Der Klassenverband wird also wegen des Kursunterrichts in der Woche mehrmals auseinandergerissen. Viele kritisieren das. Die Richtlinien der Kultusministerkonferenz für Gemeinschaftsschulen lassen jedoch keinen großen Spielraum. Lediglich im Fach Deutsch kann die äußere Fachleistungsdifferenzierung  entweder früher oder später einsetzen (Klasse 7 oder Klasse 8). In Biologie und einem der beiden Fächer Chemie oder Physik kann sie auch ganz entfallen. 

Um den Leistungsunterschieden im Klassenunterricht zu begegnen soll es demgegenüber auch eine innere Differenzierung geben. Also ein gruppenbezogener Unterricht auf verschiedenem Anspruchsniveau innerhalb der Klasse. Auch hier sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert. Denn innere Differenzierung (auch Binnendifferenzierung genannt) funktioniert in der Regel nur in kleineren Klassen. Doch die wird es an der Gemeinschaftsschule aller Voraussicht nach nicht geben, weil sich an den Höchstgrenzen nichts geändert hat. Diese liegen nach wie vor bei 29 Schülern in Klasse 5 und können später sogar noch steigen. Für die Binnendifferenzierung in den Hauptfächern ist nach bisherigen Erfahrungen sogar eine Lehrerdoppelbesetzung pro Klasse erforderlich.

Organisatorisches Chaos
Die hier nur kurz umrissenen Schwierigkeiten lassen schon erahnen, welches organisatorische Chaos in den nächsten Jahren auf die Schulen zurollt:

  • Unterrichtspläne können nicht mehr nach pädagogischen Gesichtspunkten erstellt werden (z.B. Sport möglichst in den letzten beiden Stunden). 
  • Die Springstunden häufen sich. 
  • Teilzeitlehrkräfte müssen oft auf ihren freien Tag verzichten.

Zuviele Maßgaben sind zu berücksichtigen. Das komplexe Kurssystem und vor allem der Oberstufen-Einsatz der Lehrkräfte sorgen für große Verwerfungen im Stundenplan. Die Oberstufen arbeiten im Verbund mit mehreren Gemeinschaftsschulen zusammen und sind in der Mehrzahl der Fälle nicht vor Ort. Die Unterrichtsplanung muss daher zusätzlich mit der jeweiligen Oberstufenschule abgeglichen werden.

Für die Lehrerkollegien an den Gesamtschulen wird sich nicht viel ändern. Sie sind diese Zustände gewohnt. Doch die Lehrkräfte und Schulleitungen der Erweiterten Realschulen werden sich erheblich umstellen müssen. Stundenermäßigungen für die Einarbeitung in die neue Schulform, wie das noch bei der Einführung der Gesamtschule der Fall war, sind bis jetzt nicht vorgesehen. Auch über die personelle Ausstattung mit Sozialarbeitern und anderen schulischen Hilfskräften liegen noch keine Angaben vor.

Doch das Ministerium setzt noch eins drauf: die Schulen werden jetzt gewissermaßen zu mehr Eigenständigkeit „verdonnert“. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie beispielsweise im Fach Deutsch schon in der 7. Klasse Kurse haben wollen oder erst in Klasse 8. Sie sollen entscheiden, ob für die angehenden Oberstufenschüler schon in der 9. Klasse oder erst in Klasse 10 Aufbaukurse eingerichtet werden und vieles mehr. Darüber beschließen muss die Schulkonferenz (mit Zweidrittelmehrheit) auf Vorschlag der Gesamtkonferenz – also ein äußerst komplexes und zeitaufwändiges Verfahren. Das alles soll die „Eigenständigkeit“ und „Selbständigkeit“ der Schulen stärken. Es geht aber wohl mehr darum, Aufgaben des Ministeriums auf die Schulen abzuwälzen. Zudem sichert sich die Schulverwaltung auf diese Weise ein hohes Maß an Flexibilität. Denn starre Vorgaben könnten zusätzliche Kosten verursachen. Wären z.B. in der 9. Klasse Aufbaukurse zwingend vorgeschrieben, müssten diese natürlich auch eingerichtet werden, wenn die Schülerzahl sehr gering ist, was wiederum vorteilhaft wäre für Schüler und Lehrer.  Fazit: Die Schulen sollen sich erst mal überlegen, was sie wollen, und dann wird entschieden, ob sie das auch dürfen. Und anstatt Wege zu finden, wie der ausufernde Verwaltungsaufwand reduziert werden kann, wird dem Ganzen noch eins drauf gesetzt.

Wir bleiben dabei: Das bisherige Konzept der Gemeinschaftsschule dient in erster Linie dem Ziel, Ressourcen einzusparen. Die saarländische Linke hätte sich niemals auf diesen faulen Kompromiss einlassen dürfen!

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Auch an den Grundschulen wird`s eng

Die Schwierigkeiten bei der Lehrerversorgung nehmen zu. Auch die Grundschulen im Saarland melden nun starke Abwanderungstendenzen wegen der Absenkung der Eingangsbesoldung für angehende Lehrkräfte. Die Arbeitsgemeinschaft der Junglehrerinnen und Junglehrer (AdJ) im Verband Bildung und Erziehung (VBE) setzte sich in einem Brief an Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eindringlich dafür ein, die Gehaltskürzungen zurückzunehmen, damit die jungen Lehrkräfte im Saarland bleiben könnten. Nur 20 Grundschulreferendare hätten in diesem Jahr nach ihrer Lehrerausbildung eine Stelle im saarländischen Schuldienst beantragt. In den Jahren zuvor seien es jeweils etwa 50 gewesen. Der dem VBE angeschlossene Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) weist auch auf die anstehende Pensionierungswelle im Saarland hin und befürchtet eine unhaltbare Konkurrenzsituation gegenüber den anderen Bundesländern.
Ausgenommen von der Kürzung der Eingangsbezüge sind im Saarland nur die Förderschullehrer. Von Gesamtschulen und Erweiterten Realenschulen gibt es noch keine offizielle Stellungnahme zu den Engpässen in der Lehrerversorgung.
Über diesbezügliche Kommentare oder Hinweise wären wir dankbar.

Redaktion PiSAAR