G9 – ein Nachruf

Hervorgehoben

Saarländisches Trauerspiel

Die Rückkehr zu G9, dem Abitur an Gymnasien in 9 Jahren, hat im Saarland keine Chance. Alle Argumente gegen das Turbo-Abitur in  8 Jahren (G8) wurden ignoriert. Damit begräbt die Saarländische Groko-Landesregierung still und heimlich alle wissenschaftlichen Erkenntnisse und alle Hoffnungen der Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Das pädagogisch völlig unsinnige G8 wird an saarländischen Gymnasien zum Dauerzustand. Eine Schulzeitverkürzung wird zementiert, die aussschließlich finanziell und ökonomisch begründet wird und den betroffenen Schülerinnen und Schülern ein ganzes Jahr wichtiger Entwicklungszeit wegnimmt. 

Erbärmlicher Widerstand
Nachdem inzwischen die meisten Bundesländer wieder zu G9 zurückgekehrt sind oder zumindest teilweise eine 9jährige Gynasialausbildung anbieten, hält man im Saarland stur und verbissen an G8 fest.Vernünftige Gründe hat es für diese Haltung noch nie gegeben. Ausschlaggebend waren immer Sparbestrebungen und eine grundsätzliche Kontroverse zwischen den saarländischen Regierungsparteien. Die Saar-CDU lässt keine Möglichkeit aus, das wichtige Bildungsressort von SPD-Minister Ulrich Commerçon mit allen erdenklichen Mittel zu boykottieren, um die eigene konservative Bildungspolitik voranzutreiben. Dazu gehörte ein Bürgerbegehren, das den Eltern keine Chance bot, die notwendige Anzahl von G9-Befürwortern zu erreichen. Dazu zählt eine Anhörung der Elterninitiative im Saarländischen Landtag, die von der CDU dazu genutzt wurde, die Elternvertreter mit fadenscheinigen Aussagen vorzuführen. Letztendlich war die CDU – obwohl Koalitionspartner – noch nicht einmal bereit, mit der SPD über das Thema G9 zu sprechen. Commerçons vorsichtige Annäherung an die Eltern wurde gnadenlos abgeblockt, die konservativen Lehrerverbände leisteten der CDU Schützenhilfe und die Schulleitungen der Gymnasien zeigten sich unflexibel und hielten an ihrer starren Haltung fest.

Nötigung
Doch inzwischen existiert (hinter vorgehaltener Hand) noch ein anderer Grund für das Beharren auf G8. Dabei handelt sich um eine Argumentation, die eigentlich nur als infam bezeichnet werden kann. Man befürchtet, die Gemeinschaftsschule könnte durch eine Rückkehr zum G9 an Gymnasien potentielle Schüler verlieren. Die Gemeinschafsschulen (GemS), die ein Abitur in 9 Jahren anbieten, würden auf diese Weise zur reinen Restschule verkommen. Man rechnet also fest damit, dass die gescheiterten G8´ler zu Gemeinschaftsschulen oder berufsbildenden Oberstufen abwandern, um deren Überleben zu sichern. Eltern oder Kindern, die den G8-Stress nicht mitmachen wollen, bleibt als Notlösung nur der Weg über die GemS. Sowas nennt man Nötigung! Und was vom Abitur an der GemS zu halten ist, können Sie hier nachlesen.

Der Anschein einer Oberstufe

Seit dem Start der Gemeinschaftsschule im August 2012 war klar: eine Oberstufenlösung musste irgendwann mal kommen. Denn spätestens bis Ende 2017 sollten die ersten Abi-Kandidaten und deren Eltern wissen, wie denn nun an der Gemeinschaftsschule Abitur gemacht werden kann.

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Das Märchen von der G9-Alternative

Gemeinschaftsschulen sollen im Saarland das abgeschaffte G9-Abitur ersetzen

Die Politik hält im Saarland verbissen am Turbo-Abitur G8 fest. Dafür gibt es eine inoffizielle und eine offizielle Begründung. Nachvollziehbar, jedoch völlig unakzeptabel, ist die inoffizielle: Den inzwischen erzielten Spareffekt durch die Abschaffung der Klassenstufe 13 will man sich nicht mehr nehmen lassen. Als offizielle Begründung wird dagegen immer wieder steif und fest behauptet, mit der Gemeinschaftsschule sei ja schließlich eine G9-Alternative vorhanden. Doch diese Behauptung ist schlichtweg eine Täuschung. Eine einheitliche G9-Oberstufe für die Gemeinschaftsschulen ist bis jetzt noch nicht einmal ansatzweise in Sicht. Ein echtes G9 bis zur Klassenstufe 13 wird es für die Gemeinschaftsschulen nach jetzigem (Schulden-)Stand wahrscheinlich niemals geben. Möglich ist allenfalls ein G8 am Gymnasium mit Wiederholung der Klassenstufe 10. Doch damit wird die Gemeinschaftsschule als Alternative („auf Augenhöhe“) zum Gymnasium ad Absurdum geführt. Sie kann nicht zum Abitur führen, wenn dies letztlich nur am Gymnasium absolviert werden kann. Ihr fehlt eine eigene G9-Oberstufenstruktur. Die Abi-Kandidaten der Gemeinschaftsschulen landen überwiegend in den Oberstufenklassen 11 und 12 der Gymnasien, wo dann kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen ihnen und den Gymnasiasten. Das ist und bleibt ein G8, wenn auch mit einjähriger Unterbrechung.

Eine echte G9-Alternative bieten lediglich die beiden Oberstufen für die Gesamtschulen in Neunkirchen und Saarbrücken. Dort werden die Schülerinnen und Schüler aus den 10 Gesamtschulen des Regionalverbands Saarbrücken und der Landkreise Neunkirchen und Saarpfalz aufgenommen und konsequent bis zum Abitur in Klassenstufe 13 geführt. Das sind jedoch gerade mal 10 von insgesamt etwa 130 Gemeinschaftsschulen, die ab dem Schuljahr 2018/2019 eine Oberstufe anbieten müssen.

Ein G9-Alternative stellen auch die sogenannten beruflichen Oberstufengymnasien dar. Dabei handelt es sich um Oberstufenklassen, die den Berufsbildungszentren zugeordnet sind und in einem zwei- bzw. dreijährigen Ausbildungsgang zu einer Hochschulreife mit berufsbezogener Orientierung führen. Im Saarland gibt es sieben berufliche Oberstufengymnasien, fünf in den Landkreisen und zwei im Regionalverband Saarbrücken. Ihre Aufnahmekapazität ist jedoch wegen des begrenzten Raumangebots sehr gering.

Die meisten Gemeinschaftsschulen werden demnach nur mit dem G8-Gymnasium kooperieren können, um ihren Kandidaten ein Abitur zu ermöglichen. Und das ist ein Abitur in Jahrgang 12. Damit bleibt also mit wenigen Ausnahmen alles bei G8. Es sei denn, die Landesregierung würde bis zum Stichtag noch eine ganze Reihe gemeinsame Oberstufen nach dem Muster der Gesamtschulen etablieren. Doch wer angesichts unserer miesen Finanzlage daran glaubt, der glaubt auch an den Osterhasen. Wir wissen zwar, dass Investitionen in Bildung sich langfristig auszahlen. Doch solche Erkenntnisse zählen im Saarland schon lange nicht mehr. Es wird daher wohl weiterhin geflickschustert. Das schlagende Argument, die Gemeinschaftsschule könne ein G9-Abitur anbieten, bleibt somit eine Farce.

Kein Konzept für die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen

Der Aufbau der Gemeinschaftsschulen könnte an der Frage der Oberstufen-Standorte für die ehemaligen Erweiterten Realschulen scheitern. Offenbar gibt es immer noch kein schlüssiges Konzept. Das Problem wird in die Zukunft verlagert

 

Gemeinschaftsschule statt Turbo-Abi

Die Schaffung der Gemeinschaftsschule im Saarland sollte das große Vermächtnis sein, das die vorzeitig abgelöste Jamaika-Regierung der Nachwelt hinterließ. Eine aufwändige Werbekampagne wurde ins Rollen gebracht, um den Eltern die neue Schulform als echte Alternative zum 8-jährigen Gymnasium schmackhaft zu machen. Geradezu gebetsmühlenhaft betonte der damalige Bildungsminister Klaus Kessler von den Grünen immer wieder, dass die Gemeinschaftsschule  als „zweite Säule“ im Schulsystem „gleichberechtigt“ und „in Augenhöhe“ neben dem Gymnasium stehe. Ein Hort der Glückseligkeit für alle, die das Turbo-Abi ablehnen und lieber stressfrei zur Hochschulreife kommen wollen. Es entstand der Eindruck, mit der Entscheidung für die Gemeinschaftsschule seien im Saarland schlagartig alle Bildungshürden abgebaut und es gebe künftig nur noch angehende Abiturienten. Doch die nüchterne Schul-Realität sieht natürlich völlig anders aus. Ungefähr 50 Prozent aller Schüler, die an Gemeinschaftsschulen angemeldet werden, sind Hauptschüler (sie existieren noch, obwohl die Hauptschule abgeschafft wurde), die anderen machen überwiegend einen mittleren Bildungsabschluss. Nur ein kleiner Rest (allenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs) schafft das Abitur oder eine Fachhochschulreife. In diesem Rahmen bewegen sich jedenfalls die Zahlen der vergangenen Jahre zu den Gesamtschulen. Dort hat sich durch die Umwandlung in Gemeinschaftsschulen kaum etwas geändert. Eine Oberstufe war immer schon fester Bestandteil der Schulordnung, entweder in Kooperation mit einem Gymnasium oder als eigenständige Oberstufe für mehrere Gesamtschulen im Verbundsystem.

Das Dilemma der Erweiterten Realschulen

Ganz schlechte Karten haben allerdings die Erweiterten Realschulen, die erst noch Oberstufen einrichten müssen. Obwohl sie den größten Anteil der Gemeinschaftsschulen ausmachen (71 Prozent), ist dort bislang noch nichts geregelt. Alle Eltern, die ihre Kinder bisher an einer ERS-Gemeinschaftsschule angemeldet haben, tappen in Sachen Oberstufe noch völlig im Dunkeln. Noch immer ist völlig unklar, ob es ein Verbund-System geben wird oder eine Kooperationslösung mit einem Gymnasium. Vorteilhafter für die Schüler wäre auf jeden Fall der Verbund. Denn an einer eigenen Oberstufe werden ausschließlich Gemeinschaftsschüler mit gleichem Kenntnisstand auf das Abitur vorbereitet. Am Gymnasium dürfte der Anschluss bedeutend schwieriger sein, selbst wenn dort die Klasse 10 noch mal wiederholt wird. Ob es jedoch tatsächlich zu neuen Verbundsystemen kommen wird, ist mehr als fraglich. Denn dazu müssten komplette Oberstufen (Klassen 11 bis 13) neu personalisiert werden mit Gymnasial-Lehrkräften, die an den Erweiterten Realschulen so gut wie nicht vorhanden sind. Eine Zwangsrekrutierung mit Personal von den Gymnasien würde nur böses Blut schaffen und wäre erfahrungsgemäß eher kontraproduktiv. Und Neueinstellungen sind zu Zeiten des Schülerrückgangs und der Schuldenbremse wohl illusorisch.

Eltern brauchen Planungssicherheit

Viele offene Fragen und keine eindeutigen Antworten. Die ersten Oberstufen von Gemeinschaftsschulen werden im Schuljahr 2018/2019 entstehen. So lange sollte man nicht warten. Konkrete Oberstufen-Pläne müssten jetzt schon vorliegen. Eltern haben ein Recht darauf, zu wissen, was auf ihre Kinder zukommt.

Anmerkung: Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion auf die Äußerungen des Sprechers des Arbeitskreises der Schulleiter an Gemeinschaftsschulen, Arno Heinz (Saarbrücker Zeitung vom 8.8.2013). Heinz` Forderung nach Klarheit für die Oberstufen-Standorte ist sicherlich berechtigt. PiSAAR distanziert sich jedoch ausdrücklich von dessen Bereitschaft, Schulschließungen wegen geringer Anmeldezahlen zu akzeptieren. Hier dürfte Heinz sich (mal wieder) völlig vergaloppiert haben. Weiß er eigentlich, für wen er spricht?

Das Saarland bleibt bei G8

An G8 wird im Saarland nicht gerüttelt
G8, das achtjährige Gymnasium, wird inzwischen von den meisten Eltern abgelehnt. Ein Bundesland nach dem anderen kippt diese sogenannte Reform oder bietet zumindest G9 als zusätzliche Alternative an.

Im Saarland will man davon nichts wissen. Das ist auch verständlich. Denn der damalige saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU) war in Deutschland der erste, der auf die Idee kam, ein solches Turbo-Abitur einzuführen. Wir sind die Vorreiter. Die anderen Bundesländer haben sich drangehängt.
Schreier ging es jedoch nicht um eine Verkürzung der Ausbildungszeiten, ohne die wir „den Anschluss an Europa“ verlieren würden. Dieses, bis heute immer wieder nachgeplapperte Argument, ausgesprochen von einem der 16 deutschen Bildungsminister, wird beim europäischen Nachbarn sicherlich sehr zur Erheiterung beigetragen haben. Denn der deutsche Bildungsföderalismus besteht aus den 16 verschiedenen Bildungssystemen der Länder und wir schaffen noch nicht einmal den Anschluss untereinander geschweige denn europaweit. Es muss außerdem zumindest hinterfragt werden, ob junge Leute schon im Alter von 17 oder 18 Jahren unbedingt sofort studieren müssen, obwohl sie von der Welt noch nichts wissen.

Jedenfalls hatte Schreier mit Sicherheit nicht die saarländische Konkurrenfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn im Blick, sondern wohl mehr das Sparpotential, das in der Verkürzung der Schulzeit verborgen liegt: nachdem der erste G8-Jahrgang durchgelaufen ist, entfällt die komplette Jahrgangstufe 13 und braucht nicht mehr personalisiert zu werden. G8 begann 2001. Den Jahrgang 13 konnten wir uns jetzt also schon zwei Jahre lang sparen und daran wird im rettungslos überschuldeten Saarland krampfhaft festgehalten. G8 wird nicht abgeschafft sondern allenfalls reformiert.

Gemeinschaftsschule statt G9
Und schließlich gibt es ja auch noch die Gemeinschaftsschule. Der Königsweg für alle, die es lieber etwas gemütlicher haben wollen. Das Abitur mit 9 Jahren ist immer das erste und wichtigste Argument, mit dem für die Gemeinschaftsschule geworben wird. So entsteht der Eindruck, jedes Kind könne Abitur machen. Die Eltern brauchen sich nur zu entscheiden, ob in 8 Jahren am Gymnasium oder in 9 Jahren an der Gemeinschaftsschule. Bei dem Königsweg könnte es sich jedoch auch um einen Holzweg handeln. Etwa 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der bisherigen Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen schaffen allenfalls einen Hauptschulabschluss oder mittlere Reife. Zu wenig Abiturienten also, um sich glaubhaft als Alternative zu G8 darstellen zu können. Allein die Zusammenfassung dieser beiden Schulformen zu einer abgespeckten Gesamtschule, die sich Gemeinschaftsschule nennt, hindert die Eltern nicht daran, ihr Kind am Gymnasium anzumelden und dabei G8 in Kauf zu nehmen. Der Run auf das Gymnasium dürfte sich im Saarland mangels echter Alternativen in den nächsten Jahren sogar noch verstärken. Das wiederum wird zur Folge haben, dass massenhaft an die Gemeinschaftsschulen abgeschult werden muss. Und damit schließt sich dann wieder der Teufelskreis. Am vielgescholtenen deutschen Ausleseprinzip ändert sich nichts.

Gemeinschaftsschule ohne echte Legitimation

 

Die Gemeinschaftsschule von Klaus Kessler und Oskar Lafontaine

 

Ab dem neuen Schuljahr wird es im Saarland nur noch zwei weiterführende Schulformen geben: Das Gymnasium und die Gemeinschaftsschule, in der nun 47 bisherige Erweiterte Realschulen und 16 Gesamtschulen zusammengefasst sind. Diese einschneidende Veränderung der saarländischen Schullandschaft haben wir im Prinzip zwei Personen zu verdanken, die sich damit in erster Linie selbst profilieren wollten.

Konzept der Gemeinschaftsschule abgeschrieben

Klaus Kessler, der ehemalige GEW-Landesvorsitzende, sollte nach Spendenskandal und Wahlbetrug das Image der Saar-Grünen wieder aufpolieren. Er stand unter Erfolgszwang und musste möglichst schnell Ergebnisse liefern. So entstand das hastig zusammengeschusterte Konzept der Gemeinschaftsschule, indem einfach der Text der bisherigen Gesamtschulverordnung übernommen und an einigen Stellen leicht verändert wurde. Auf diese Weise konnte Klaus Kessler sein Lieblingskind Gesamtschule über die Hintertür für alle verbindlich machen, die nicht auf`s Gymnasium gehen.

Der Kuhhandel

Außer den Grünen gab es seinerzeit keine einzige saarländische Partei, die diese Pseudo-Schulreform wirklich wollte. Die Jamaika-Koalitionäre CDU und FDP mussten – teilweise zähneknirschend – zustimmen, weil sie auf die drei Mandate der Grünen angewiesen waren. Die SPD lehnte den Kessler-Entwurf grundlegend ab und auch die Linke distanzierte sich. Zumindest anfangs.

Doch dann kam der zweite Befürworter der Gemeinschaftsschule ins Spiel. Oskar Lafontaine, Fraktionsvorsitzender der Saar-Linke, sah in einer Zustimmung die Möglichkeit, sich und seine Partei wenn schon nicht auf Bundesebene dann zumindest im Saarland als kooperativ darzustellen, bereit, Verantwortung zu übernehmen. Um eine Verbesserung der Schulqualität wird es ihm dabei nicht gegangen sein. Denn Lafontaine machte die Zustimmung zur Gemeinschaftsschule abhängig von der schwammigen Bedingung einer verstärkten Lehrerfeuerwehr, auf die sich Kessler zwar zunächst einließ, die er dann später aber prompt ignorierte.

So gesehen, wird jetzt das gesamte saarländische Schulsystem komplett umgebaut, nur weil genau zwei Personen, die an den Schaltquellen der Macht saßen, dies aus fadenscheinigen Gründen so wollten. Unter diesen Umständen von einer echten Legitimation der Gemeinschaftsschule zu sprechen, muss zumindest angezweifelt werden.

Diese Schulform ist das Ergebnis von Taktiererei und Parteiklüngel. Sie wird nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen, für die sie verbindlich gemacht wurde.

Gemeinschaftsschule stößt auf wenig Gegenliebe

Verhaltene Akzeptanz trotz Werbe-Getöse
Die Eltern sind skeptisch bis ablehnend. Viele melden ihr Kind nur deshalb bei der Gemeinschaftsschule (GemS) an, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Der Ansturm auf das Gymnasium hält auch im Jahr  Eins der GemS unvermindert an. Dagegen konnte auch der ungeheure Werberummel nichts ausrichten. Die großartigen Versprechungen einer neuen Schule „auf Augenhöhe mit dem Gymnasium“, an der auch Abitur gemacht werden kann, hat nicht zu einer Steigerung der Anmeldezahlen geführt. Lediglich die Gesamtschulen verzeichneten teilweise ein leichtes Plus.  Deren Schulleiterinnen und Schulleiter kamen nicht in Erklärungsnot. Sie konnten den Eltern glaubhaft versichern, dass sich am bisherigen Konzept ihrer Schule nicht viel ändern wird, auch wenn sie künftig Gemeinschaftsschule heißt.

Skepsis ist berechtigt
Die Reaktionen sind verständlich. Niemand weiß so richtig, was die künftige Schulform bringt. Zu oft wurde im Saarland schon in das Schulsystem eingegriffen. Stets zum Nachteil der Betroffenen, als Sparmaßnahme unter der Tarnkappe einer Reform.
Die frühzeitige Auflösung der Jamaika-Regierung verstärkt diese Skepsis, denn die Ausgestaltung der GemS wurde damit gewissermaßen auf halbem Wege gestoppt. Die bereits von dem ehemaligen Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne) völlig übereilt eingeführte neue Schulform, muss nun zu allem Übel von der zu erwartenden Großen Koalition aus SPD und CDU nochmal komplett neu verhandelt werden. Es ist ein Rätsel, wie das in der verbleibenden Zeit nach der Wahl geschafft werden soll. Zumal mit einer schnellen Einigung der Koalitionspartner nicht zu rechnen ist. Schließlich konnten die Meinungsverschiedenheiten zum Thema Bildung schon bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD unmittelbar nach dem Bruch der Jamaika-Regierung nicht ausgeräumt werden. Die Bildungspolitik war der Knackpunkt, weswegen sich Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Heiko Maas (SPD) für vorgezogene Neuwahlen entschieden. Damit hatte man das schwierige Thema Bildung erst mal vom Tisch.

Die SPD steht und fällt mit der Bildungspolitik
Für die Saar-SPD wird es zur Existenzfrage, inwieweit sie ihre bildungspolitischen Ziele innerhalb einer großen Koalition durchsetzen wird. Sie hatte im vergangenen Jahr, als es um die Verankerung der GemS in der saarländischen Verfassung ging, die Messlatte  – mit Recht  – sehr hoch angelegt. Da wurde beispielsweise eine verbindliche Klassengröße von 23 gefordert. Das wiederum hieße konkret, dass die Konkurrenzsituation des Saarlandes gegenüber den anderen Bundesländern erheblich verbessert werden müsste, um den so entstehenden zusätzlich Lehrkräftebedarf decken zu können.
Sollte sich die SPD in der kommenden Legislaturperiode jedoch als Helfershelferin einer rigiden Sparpolitik auf Kosten der ohnehin schwachen Bildungsausstattung des Saarlandes erweisen, dürfte für sie nach fünf Jahren großer Koalition nur noch die Rolle des Juniorpartners der CDU übrig bleiben.
Erste Bewährungsprobe wird die im Gesetzgebungsverfahren steckengebliebene Verabschiedung eines neuen Schulordnungsgesetzes sein. Hier geht es darum, schnellstmöglich den noch von Klaus Kessler vorbereiteten Entwurf zu verabschieden, der sich überraschend positiv von dem immer noch gültigen Gesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregentschaft unterscheidet. Damals wurde das Schulordnungsgesetz nach der Maßgabe gestrickt, möglichst einfach Schulen schließen zu können. Sollte die Verabschiedung des Kessler-Entwurfs nach der Regierungsbildung weiterhin hinausgezögert werden, wissen wir schon bald, wo die Reise hin geht …

Kessler preist sich selbst

Noch-Bildungsminister Kessler singt eine Lobeshymne auf sich selbst. Es sind zunächst die Schulleiterinnen und Schulleiter, von denen er sich nach dem Bruch der Jamaika-Koalition verabschiedet, nicht ohne die Verdienste seiner Amtszeit in den höchsten Tönen zu preisen. SZ-Redakteur Norbert Freund setzt am nächsten Tag noch eins drauf und widmet Kesslers Werk in der Samstagausgabe einen sehr schmeichelhaften Nachruf, der die beschönigte Bilanz des Bildungsministeriums unreflektiert wiederholt.
Es hat fast den Anschein, als wolle der ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit dieser Außendarstellung seinen Seitenwechsel noch nachträglich rechtfertigen.
Doch was wurde mit diesem zweijährigen Intermezzo eines Gewerkschafters wirklich erreicht? Die Antwort ist ganz simpel: Dem Saarland fehlt jetzt mehr denn je eine starke GEW-Führung. Dafür hat es aber eine Gemeinschaftsschule (GemS), die niemand in der geplanten Form ernsthaft wollen kann. Das ist die nüchterne Bilanz.

Wir werden uns nicht an der gezielt eingesetzten Lobhudelei beteiligen. Sicher gab es in der  Amtszeit Klaus Kesslers auch positive Aspekte, wie beispielsweise die Abkehr von dem restriktiven Schulordnungsgesetz aus den Zeiten der CDU-Alleinregierung. Doch gerade mit der Einführung der Gemeinschaftsschule, der wohl wichtigsten Reform dieser Jamaika-Regierung, hat sich der ehemalige Gewerkschaftsvorsitzende zum Helfershelfer der Kaputtsparer gemacht, zum Erfüllungsgehilfen derer, die er vorher auf`s Schärfste kritisiert hat.

Wir fassen daher die wesentlichen Kritikpunkte zur Gemeinschaftsschule hier nochmals in sieben Punkten kurz zusammen:

1. Missachtung des Elternwillens

Eltern haben jetzt gewissermaßen nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Können oder wollen sie ihre Kinder nicht am Gymnasium anmelden, müssen sie die Gemeinschaftsschule nehmen. Damit sind sie gezwungen, sich auf eine abgespeckte Form der bisherigen Gesamtschule einzulassen, wenn sie nicht in ein anderes Bundesland umziehen wollen. Und das ist um so problematischer, weil die jetzige Gesamtschule im Saarland seit ihrer Entstehung starke Qualitätseinbußen hinnehmen musste.

2. Soziale Benachteiligung wird zementiert

Die Einführung der Gemeinschaftsschule ändert nichts an dem unsozialen Ausleseprinzip unseres Schulsystems. Die Kinder werden nach wie vor bereits mit 10 Jahren aussortiert und auf die weiterführenden Schulen verteilt. Es macht keinen Unterschied, ob es sich dabei um ein dreigliedriges oder jetzt nur noch zweigliedriges System handelt. Zudem besteht die Gefahr, dass sich die Gemeinschaftsschule zu einer einzigen großen Restschule entwickeln könnte.

3. Das Märchen vom „längeren gemeinsamen Lernen“

Die Behauptung, die Gemeinschaftsschule würde längeres gemeinsames Lernen ermöglichen, ist die schlimmste aller Lügen. In Deutschland lernen Kinder gerade mal in der Grundschule über einen längeren Zeitraum gemeinsam. Das sind in der Regel vier Jahre. Anschließend ist Schluss mit dem gemeinsamen Lernen. Es folgen zwei Jahre Klassenunterricht in einer neuen Schule mit anderen Lehrern und fremden Mitschülern. Danach wird die gerade abgeschlossene neue Klassenbildung wieder ausgehöhlt durch den ständigen Wechsel der Lerngruppen zwischen Klassen- und Kursunterricht.

4. Die Gemeinschaftsschule ist ein Instrument der Schuldenbremse

Die Zusammenfassung der beiden bisherigen Schulformen Erweiterte Realschule und Gesamtschule schafft ideale Voraussetzungen für Einsparungen bei der Bildung. Sie vereinfacht die Verwaltung. Auf diese Weise kann beispielsweise die Entstehung kleiner Klassen wirksamer verhindert und damit Personal eingespart werden. Da Schulstrukturreformen im Saarland bisher immer finanzpolitisch motiviert waren, ist diese Absicht angesichts der auferlegten Schuldenbremse geradezu offensichtlich.

5. Undurchdachtes Konzept und übereilte Umsetzung

Es gibt für die schwierige Einführungphase der GemS keine zusätzlichen Lehrerstunden wie beispielsweise seinerzeit noch für den Aufbau der Gesamtschulen. Das trifft die Erweiterten Realschulen besonders hart, weil dort die Umstellung wesentlich mehr Veränderungen mit sich bringt als an den Gesamtschulen. Problematisch ist zudem die Unterrichtsverteilung in Klasse 5 und 6. Die Schülerinnen und Schüler, in der Mehrzahl mit Hauptschulniveau, müssen sich mit zwei Fremdsprachen herumschlagen, obwohl ihnen bereits im Fach Deutsch die Grundlagen fehlen. 6 Stunden für Englisch und Französisch, dazu 1 Stunde für das (unverständlicherweise) isoliert vermittelte Fach „Lernen lernen“. Jedoch für Deutsch und Mathematik, wo erfahrungsgemäß die größten Defizite bestehen, sind jeweils nur 4 Stunden vorgesehen (am Gymnasium 6).

6. Aufgeblähte Verwaltung

Die Schulen müssen den Zeitpunkt und die Form der Leistungsdifferenzierung teilweise selbst festlegen. Diese Verpflichtung wird als „Stärkung der Eigenständigkeit“ propagiert, erhöht aber noch zusätzlich die in den letzten Jahren schon enorm gestiegenen schulischen Verwaltungsaufgaben. Sie hat zudem mit Eigenständigkeit nicht viel zu tun, da die Beschlüsse der Schulen letztlich doch noch vom Ministerium abgesegnet werden müssen. Dort wird nämlich nur zugestimmt, wenn sich alles im finanziellen Rahmen bewegt.

7. Das Märchen von der „Augenhöhe mit dem Gymnasium“

Das wichtigste „Verkaufsargument“ für die GemS ist die Garantie aller Schulabschlüsse einschließlich des Abiturs. Schon bisher konnten Schülerinnen und Schüler von ERS und Gesamtschulen mit entsprechendem Notenbild nach Klasse 10 an die Oberstufe eines Gymnasiums oder eines Oberstufen-Verbunds aus mehreren Gesamtschulen wechseln und nach 9 Jahren Abitur machen. Geschafft haben das immer nur wenige, bestenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs (ausgehend von Klasse 5). Insbesondere die Gesamtschulen haben daher alles daran gesetzt, um diesen Anteil zu erhöhen und sich damit als echte Alternative gegenüber dem Gymnasium darstellen zu können. Dennoch bleibt der Weg zum Abitur über G 9 schwierig. Angesichts der zahlenmäßig weit überwiegenden Haupt- bzw. Mittlere-Reife-Schüler können die potentiellen Abiturienten zumindest bis Klasse 10 nur unzureichend auf die Oberstufe vorbereitet werden. Deren Fördermöglichkeiten sind einfach zu gering. Beim Übergang an eine gemeinsame Oberstufe der Gesamtschulen wird diesem Umstand in Klasse 11 noch irgendwie Rechnung getragen. Erfolgt hingegen der Wechsel an die Oberstufe eines Gymnasiums (mit Wiederholung der Klasse 10 wegen G 8), hat man als Gemeinschaftsschüler(in) deutlich schlechtere Karten. Da trifft es sich schlecht, dass ein Großteil der bisherigen Erweiterten Realschulen das Abitur nur im Verbund mit dem nächstgelegenen Gymnasium realisieren kann. Bis allerdings die ersten Gems-Klassen aus Jahrgang 2012/2013 soweit sind, gehen ja noch einige Jährchen ins Land. Darüber soll sich dann – gemäß alter saarländischer Tradition – der nächste oder übernächste Bildungsminister Gedanken machen …

Die Geburt der Gemeinschaftsschule

Anmerkung der Redaktion:
Der nachfolgende Beitrag wurde verfasst, unmittelbar bevor Ministerpäsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) die Jamaika-Koalition am heutigen Freitag auflöste. Er gewinnt dadurch ein anderes Gewicht, verliert aber nicht seine Bedeutung.

Wie alles anfing
Wir gehen zurück in den Herbst 2009. Das Geschäft war erfolgreich abgeschlossen. Hartmut Ostermann konnte sich die Hände reiben. Der Deal mit den Grünen hatte wie geplant funktioniert. Hubert Ulrich konnte mit Hilfe von Leihstimmen aus der SPD die 5-Prozent-Hürde überwinden, entschied sich dann jedoch für Schwarz-Gelb und schickte die SPD in die Opposition. Die Jamaika-Regierung war geboren.
Der Grüne Klaus Kessler, vorher 17 Jahre lang Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, wurde Bildungsminister. Er scheute nicht davor zurück, nun genau die Rolle zu verkörpern, die er  fast 2 Jahrzehnte lang heftigst kritisiert hatte.
In dieser Situation war es für die ins Zwielicht geratenen Grünen wichtig, bei den Wählern den Eindruck zu erwecken, dass mit dem neuen Bildungsminister und ehemaligen Gewerkschafter Kessler nun eine Trendwende in der saarländischen Bildungspolitik eingeleitet werde. Doch darauf warten wir bis heute vergeblich. Das stümperhafte und wohl auch nicht ernst gemeinte Projekt 5. Grundschuljahr ist mittlerweile erwartungsgemäß gestorben. Und mit der Gemeinschaftsschule sah es zunächst nicht viel anders aus. Obwohl fleißig die Werbetrommel gerührt wurde und der Bildungsminister allerorts die Vorzüge der neuen Schulform pries, war die Resonanz beim Publikum sehr bescheiden. Zudem wurde das Konzept der GemS von der Opposition zerrissen. Vor allem die Saar-SPD meldete starke Bedenken an. Und auch bei den Linken überwog die Kritik. Die GemS schien schon gestorben, nachdem es die SPD schließlich endgültig ablehnte, der erforderlichen Verfassungsänderung zuzustimmen (im Saarland müssen Schulformen seltsamerweise in der Verfassung festgeschrieben werden). Die breite Front der GemS-Gegner konnte aufatmen. Niemand verschwendete zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit, dass die GemS mit Hilfe der Linken doch noch Wirklichkeit werden könnte. Zwar verhandelte die Jamaika-Regierung nun erstmals auch mit den Vertretern der Links-Partei (beim Thema 5. Grundschuljahr lehnte sie das noch kategorisch ab), aber niemand rechnete mit einer Übereinkunft. Dann der Paukenschlag: Oskar Lafontaine, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, verkündete, dass seine Partei der für die Entstehung der GemS notwendigen Verfassungsänderung zustimmen werde.

Die Bedingungen der Linken
Bedingung für die Zustimmung der Linken war insbesondere die Zusage Kesslers, den Unterrichtsausfall durch die Schaffung einer zusätzlichen Lehrerfeuerwehr abzubauen.
„Weniger Unterrichtsausfall“ klingt gut, ist eine griffige Formel. Dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben. Doch wie so oft in der Politik nützen die schönsten Ziele nichts, wenn man sich um deren Umsetzung zu wenig Gedanken macht.
Inzwischen hat das Saarland schon große Schwierigkeiten damit, allein die unbedingt erforderlichen Lehrkräfte aufzutreiben. Ein großer Teil des Bedarf wird durch prekäre Arbeitsverhältnisse abgedeckt. Der Anteil des Unterrichts, der durch Referendare und Hilfskräfte ohne Lehrerausbildung erteilt wird, nimmt rasant zu. Gut ausgebildete Lehrkräfte überlegen sich, ob sie im Saarland bleiben, wo Bezahlung und Arbeitsbedingungen durchweg schlechter sind als in anderen Bundesländern. Den für die Vermeidung des Unterrichtsausfalls erforderlichen Mehrbedarf kann die Landesregierung nur abdecken, wenn sie mehr Geld in die Hand nimmt und den Lehrerberuf attraktiver macht. Doch bis jetzt ist das Gegenteil der Fall: Niedrigere Eingangsbesoldung, bundesweit die größten Klassen, schlechte Aufstiegschancen, eine fehlende Altersteilzeitregelung – das alles nimmt nur in Kauf, wer unbedingt hier bleiben muss.

Was macht die Lehrerfeuerwehr?
Natürlich wird eine Lehrerfeuerwehr (sofern es sie überhaupt geben wird) dabei helfen, Unterrichtsausfall zu vermeiden. Das ist jedoch eine rein statistische Aussage. Der Unterricht hat dann stattgefunden, d.h. es steht etwas im Klassenbuch. Eltern und Schulleitung sind beruhigt.
Feuerwehrlehrkräfte sind anfangs meist befristet beschäftigt und haben an der Schule denkbar miese Arbeitsbedingungen. Sie müssen damit rechnen jeden Tag in anderen Klassen und Kursen den „Ausputzer“ zu spielen. Wenn sie Glück haben, kriegen sie eine Klasse über einen längeren Zeitraum (z.B. bei Schwangerschaftsvertretung). Oft handelt es sich jedoch um kurzfristige Vertetungen, wenn mal gerade jemand krank ist oder auf Fortbildung u.ä. Sinnvoller Unterricht kann auf diese Weise nicht stattfinden. Es gibt keine Kontinuität im Stoff und die Schüler nehmen die Aushilfskräfte oft nicht ernst.
Ob die Lehrerfeuerwehr überhaupt kommt, steht zudem noch in den Sternen. Die dafür vorgesehenen 50 zusätzlichen Stellen sollen nämlich im neuen Haushalt aus dem schon vorhandenen Stellenkontingent entnommen werden. Schon hier besteht der Verdacht, dass die Linke ausgetrickst werden soll, nachdem die Verfassungsänderung unter Dach und Fach ist.

Die Klassengröße ist wichtig
Völlig unverständlich ist auch, warum bei den Verhandlungen der Linken mit Kessler die Klassengröße nicht angetastet wurde. Lehrkräfte, die an Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen unterrichten, kämpfen seit Jahren mit einer zunehmenden Zahl verhaltensauffälliger und disziplinloser Schüler. Kleine Klassen, in denen solche Kinder ihr negatives Verhalten kaum entfalten können, werden deshalb zum entscheidenden Qualitätsmerkmal für erfolgreichen Unterricht. Wenn natürlich in einer Klasse 30 disziplinierte und gut erzogene Kinder sitzen (der absolute Ausnahmefall), spielt die Klassengröße keine wesentliche Rolle. Politiker sollten endlich aufhören, die Bedeutung der Klassengröße herunterzuspielen. Die Linke arbeitet damit nur den Konservativen in die Hände, die immer wieder durch zweifelhafte Quellen nachweisen wollen, dass die Anzahl der Schüler nicht ausschlaggebend ist. Es gibt natürlich immer Lehrkräfte, die sich auf Kosten der Kolleginnen und Kollegen damit profilieren, wie gut sie das mit den vielen Kindern hinkriegen.

Politische Taktik
Man muss daher davon ausgehen, dass die Unterstützung der Gemeinschaftsschule durch die Linke nichts anderes war als ein taktischer Schachzug. Es ging nicht um die Sache, sondern darum, sich von dem Klischee der Neinsager-Partei zu befreien, „Regierungsfähigkeit“ zu demonstrieren. Wahrscheinlich spielten auch noch andere Gründe eine Rolle. Vielleicht eine vorsichtige Annäherung an die Grünen als möglichen künftigen Koalitionspartner. Man darf spekulieren. Jedenfalls hat die Linke mit dieser Entscheidung all` denen einen Bärendienst erwiesen, die sich künftig mit den Bedingungen einer verkorksten, undurchdachten und hektisch umgesetzten Gemeinschaftsschule rumschlagen müssen. Ob sich das politisch auszahlt, darf bezweifelt werden.

2012: Das bildungspolitische Schaltjahr

2012 wird ein wichtiges Jahr für alle, die im Saarland am Bildungsprozess beteiligt sind. Durch die Einführung der Gemeinschaftsschule (GemS) zum 1. August müssen die Betroffenen (oder besser: Leidtragenden) sich wieder mit einer gravierenden Schulstrukturreform abfinden: Die Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen werden zu Gemeinschaftsschulen (ähnlich den bisherigen Gesamtschulen) zusammengefasst.

Die Begeisterung für diese Reform hält sich bisher trotz des enormen Werbeaufwands deutlich in Grenzen. Die Leute haben es satt, dass immer wieder am Schulsystem rumgedoktert wird und Bestehendes sich nie ungehindert entwickeln kann, weil mit der nächsten Landesregierung schon wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Die Skepsis gegenüber solchen Schulreformen ist im Saarland tief verwurzelt und hat begründete Ursachen. Eltern, Schüler und vor allem Lehrkräfte wissen, dass alle bisherigen vermeintlichen Reformen noch nie zu wirklichen Verbesserungen geführt haben. Und das ist ja auch kein Wunder, denn dieses hektische Streben nach Veränderung war im hoffnungslos überschuldeten Saarland noch nie wirklich auf die Absicht zurückzuführen, bessere Lernbedingungen und Bildungschancen zu schaffen. Tatsächlich standen immer finanzpolitische Erwägungen im Vordergrund. Alle Änderungen am Status Quo brachten zwar Einsparmöglichkeiten aber letztlich keine besseren schulischen Bedingungen. Durch die Einführung von G 8 (Abitur nach 8 Jahren) kann das Land nun den kompletten Jahrgang 13 einsparen. Selbst die Schließung von einem Drittel aller saarländischen Grundschulen unter dem damaligen Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) sollte als Reform verkauft werden. Einsparpotential bot auch die Abschaffung der Hauptschulen und nicht anders ist nun der Ersatz der Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen durch die Gemeinschaftsschule zu verstehen.

Jedoch der Umbau des dreigliedrigen in ein zweigliedriges Schulsystem ist viel weitreichender und gefährlicher als alle bisherigen Eingriffe. Die Einschränkung der Wahlmöglichkeiten auf zwei Schulformen (Gymnasium und Gemeinschaftsschule) könnte dazu führen, dass noch mehr Eltern mit ihren Kindern dem Saarland den Rücken kehren.

Wir werden uns daher im Entstehungsjahr der GemS verstärkt mit allen Aspekten der neuen Schulform auseinandersetzen. Unser nächstes Thema wird sich mit den Entstehungsbedingungen der Gemeinschaftsschule beschäftigen. Dabei wird es vor allem um die Frage gehen, warum die GemS mit Hilfe der Linken etabliert werden konnte. Danach folgt eine Übersicht über die Startbedingungen und die beabsichtigte Ausgestaltung der GemS.

Im Dateianhang dieses Beitrags finden Sie vorab die schon im Amtsblatt des Saarlandes veröffentlichte neue Schulordnung. Ansonsten bitten wir noch um etwas Geduld …

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