Gemeinschaftsschule erzwingt in Klasse 5 und 6 zwei Fremdsprachen

Neues Fremdsprachenkonzept soll offenbar die Bildung kleiner Klassen erschweren

An der Gemeinschaftsschule, die ab dem nächsten Schuljahr beginnt, werden alle Kinder bereits ab Klasse 5 zwei Fremdsprachen (Englisch und Französisch) lernen müssen. Bisher konnte man sich für eine der beiden Sprachen entscheiden und die andere später – je nach Fähigkeiten und Bedarf – hinzuwählen. Unterschieden wird nun zwischen der ersten Fremdsprache (4 Wochenstunden) und der zusätzlichen Fremdsprache (2 Wochenstunden), die als Sprachkurs „zur Vorbereitung auf mündliche Kommunikationssituationen in Alltag und Beruf“ belegt werden muss.

Das hört sich zunächst einmal gut an. Warum sollten Eltern nicht daran interessiert sein, dass ihr Kind von Beginn an auch noch in einer zweiten Fremdsprache was lernt? Doch hinter dieser neuen Regelung steckt offensichtlich weniger das staatliche Interesse an der Sprachkompetenz des Nachwuchses. Vielmehr wurde hier ein Instrument geschaffen, mit dem vermieden werden soll, dass teure, kleine Klassen entstehen. Denn bisher gab es für die Eltern nur die Auswahl zwischen Englisch oder Französisch. Da sich erfahrungsgemäß die meisten Eltern für Englisch entschieden, wurden die Französischklassen an vielen Schulen angenehm klein, überschaubar und dadurch gut zu unterrichten.

Doch kleine Klassen sind dem Ministerium ein Dorn im Auge, denn sie kosten erheblich mehr als die großen Klassen, die bis zum Anschlag voll sind. Ob eine Klasse jetzt 29 oder nur 18 Schüler hat – der Personalisierungsaufwand ist der gleiche. Da nun ab dem nächsten Schuljahr alle Kinder beide Sprachen lernen sollen, können solche Mini-Französischklassen vermieden werden, indem man die betreffenden Eltern damit vertröstet, dass es für ihre Kinder ja noch den zweistündigen Französisch-Sprachkurs gibt. Die Klassenbildung wird somit flexibler, jedoch nicht mehr zugunsten  sondern nur noch zulasten der Klassengröße. Diese Absicht scheint Bildungsminister Kessler so wichtig gewesen zu sein, dass er für den zusätzlichen Sprachkurs sogar in den Fächern Mathematik und Deutsch jeweils eine Wochenstunde gestrichen hat. Eine völlig unverständliche Maßnahme, zumal die Gemeinschaftsschule ja auch zum Abitur führen soll und die beiden Hauptfächer Deutsch und Mathe am Gymnasium von Anfang an 6-stündig unterrichtet werden.

Es gibt also in den Klassen 5 und 6 nur 4 Stunden pro Woche in Deutsch und Mathematik, dafür aber 6 Stunden für die Fremdsprachen, worüber etwa 60 Prozent der Kinder an den Gemeinschaftsschulen nicht besonders glücklich sein werden. Denn sie absolvieren einen Hauptschulabschluss. Und für den spielen die Leistungen in den Fremdsprachen nicht die geringste Rolle. Sie können Englisch und Französisch komplett unter den Tisch fallen lassen. Ihr Hauptschulabschluss wird davon nicht abhängen. Es sind in der Regel Kinder, die schon mit der Muttersprache Deutsch enorme Schwierigkeiten haben und mit zwei zusätzlichen Sprachen wahrscheinlich völlig überfordert sind.

Bildungsminister Kessler hat die neue Schulverordnung für die Gemeinschaftsschulen heute der Presse vorgestellt. Allem Anschein nach handelt es sich um eine abgespeckte Version der bisherigen Gesamtschulverordnung. Wir werden genauer hinschauen und noch näher dazu Stellung nehmen.

Ein Gedanke zu „Gemeinschaftsschule erzwingt in Klasse 5 und 6 zwei Fremdsprachen

  1. Die oben angestellten Überlegungen bzgl. der Klassenbildung treffen für die Mehrzahl der Erweiterten Realschulen allerdings nicht zu, denn dort wird zumeist nur eine erste Fremdsprache angeboten, es gibt also keine Wahlmöglichkeit zwischen Französisch und Englisch. Das soll nach Angaben des Bidungsministeriums auch so bleiben.

    Es ist auch nicht so, dass für den Hauptschulabschluss die erste Fremdsprache keine Rolle spielt. Für den Übergang auf Handelsschule etc. ist die entsprechende Note des HSA -Zeugnisses auf jeden Fall bedeutsam , auch wenn sie nicht Teil der schriftlichen Prüfung ist.

    Ich teile die Meinung des Verfassers , was die Gewichtung der Fächer angeht. Die Vermittlung der deutschen Sprache in Wort und Schrift muss Priorität haben. An dieser Stelle fehlen mir in der Stundentafel die entsprechenden Förderangebote.

    Überhaupt wird die Gemeinschaftsschule nur angenommen werden, wenn sie ausreichend finanziert wird. Wenn die Klassen zu groß werden , ist eine individuelle Förderung nicht mehr möglich und die Karawane wird in Richtung Gymnasium weiterziehen.

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