Die Gemeinschaftsschule: Überblick und Kritik

Die Gemeinschaftsschule ist eine Gesamtschule mit Abstrichen
Bildungsminister Kessler hat am 2. November mit dem Entwurf einer Schulordnung der Öffentlichkeit erstmals die Details der Gemeinschaftsschule (GemS) vorgestellt. Die neue Schulform, so die offizielle Lesart, solle den betreffenden Schulen die Möglichkeit bieten, sich je nach Wunsch inhaltlich und pädagogisch mehr an der Erweiterten Realschule (ERS) oder an der Gesamtschule auszurichten. Eine solche Wahlmöglichkeit ist jedoch definitiv nicht vorhanden. Die GemS ist, mal abgesehen von wenigen kleinen Abweichungen, nahezu identisch mit der Gesamtschule. Das ist auch kein Wunder, denn die Gesamtschule war immer schon das Lieblingskind von Klaus Kessler. Schon in seiner Amtszeit als Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war in der GEW das Thema Gesamtschule ein absolutes Tabu-Thema. Niemand sollte und durfte daran rütteln. Obwohl Kessler als GEW-Vorsitzender die vielen Einschränkungen und Restriktionen, mit denen die Gesamtschule im Laufe der Jahre konfrontiert wurde, deutlich wahrgenommen hat, soll jetzt eine neue Schule mit wesentlich größerem Adressatenkreis nach diesem Muster entstehen. Und alle Eltern, deren Kinder nicht ans Gymnasium gehen sollen oder können, haben in Zukunft keine andere Wahl. Das ist eine klare Missachtung des Elternwillens, zumal es im Saarland noch 51 Erweiterte Realschulen gibt und die Gesamtschule lediglich 18 Standorte aufweist.

Differenzierung als Notlösung
Schulzweige für bestimmte Abschlüsse wie an der ERS (H-Klassen, M-Klassen) werden ab dem Schuljahr 2014/2015 nicht mehr entstehen. Der Klassenverband bleibt ab dem nächsten Schuljahr durchgängig in den Klassen 5 bis 9 erhalten. Erst in Klasse 10 wird neu „gemischt“, nachdem die Hauptschulabsolventen die Schule verlassen haben. Den unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen in den Klassen (mindestens 50 Prozent Hauptschulniveau) soll nun durch die sogenannte äußere Fachleistungsdifferenzierung Rechnung getragen werden. Das heißt, ab Klasse 7 werden in den Hauptfächern nach und nach Kurse mit verschiedenen Leistungsanforderungen eingerichtet. Ab dann findet in täglichem Wechsel Unterricht statt in drei verschiedenen Gruppen: Grundkurse (Leistungschwächere), Erweiterungskurse (Leistungsstärkere) und Klassenuntericht. 

Der Klassenverband wird also wegen des Kursunterrichts in der Woche mehrmals auseinandergerissen. Viele kritisieren das. Die Richtlinien der Kultusministerkonferenz für Gemeinschaftsschulen lassen jedoch keinen großen Spielraum. Lediglich im Fach Deutsch kann die äußere Fachleistungsdifferenzierung  entweder früher oder später einsetzen (Klasse 7 oder Klasse 8). In Biologie und einem der beiden Fächer Chemie oder Physik kann sie auch ganz entfallen. 

Um den Leistungsunterschieden im Klassenunterricht zu begegnen soll es demgegenüber auch eine innere Differenzierung geben. Also ein gruppenbezogener Unterricht auf verschiedenem Anspruchsniveau innerhalb der Klasse. Auch hier sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert. Denn innere Differenzierung (auch Binnendifferenzierung genannt) funktioniert in der Regel nur in kleineren Klassen. Doch die wird es an der Gemeinschaftsschule aller Voraussicht nach nicht geben, weil sich an den Höchstgrenzen nichts geändert hat. Diese liegen nach wie vor bei 29 Schülern in Klasse 5 und können später sogar noch steigen. Für die Binnendifferenzierung in den Hauptfächern ist nach bisherigen Erfahrungen sogar eine Lehrerdoppelbesetzung pro Klasse erforderlich.

Organisatorisches Chaos
Die hier nur kurz umrissenen Schwierigkeiten lassen schon erahnen, welches organisatorische Chaos in den nächsten Jahren auf die Schulen zurollt:

  • Unterrichtspläne können nicht mehr nach pädagogischen Gesichtspunkten erstellt werden (z.B. Sport möglichst in den letzten beiden Stunden). 
  • Die Springstunden häufen sich. 
  • Teilzeitlehrkräfte müssen oft auf ihren freien Tag verzichten.

Zuviele Maßgaben sind zu berücksichtigen. Das komplexe Kurssystem und vor allem der Oberstufen-Einsatz der Lehrkräfte sorgen für große Verwerfungen im Stundenplan. Die Oberstufen arbeiten im Verbund mit mehreren Gemeinschaftsschulen zusammen und sind in der Mehrzahl der Fälle nicht vor Ort. Die Unterrichtsplanung muss daher zusätzlich mit der jeweiligen Oberstufenschule abgeglichen werden.

Für die Lehrerkollegien an den Gesamtschulen wird sich nicht viel ändern. Sie sind diese Zustände gewohnt. Doch die Lehrkräfte und Schulleitungen der Erweiterten Realschulen werden sich erheblich umstellen müssen. Stundenermäßigungen für die Einarbeitung in die neue Schulform, wie das noch bei der Einführung der Gesamtschule der Fall war, sind bis jetzt nicht vorgesehen. Auch über die personelle Ausstattung mit Sozialarbeitern und anderen schulischen Hilfskräften liegen noch keine Angaben vor.

Doch das Ministerium setzt noch eins drauf: die Schulen werden jetzt gewissermaßen zu mehr Eigenständigkeit „verdonnert“. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie beispielsweise im Fach Deutsch schon in der 7. Klasse Kurse haben wollen oder erst in Klasse 8. Sie sollen entscheiden, ob für die angehenden Oberstufenschüler schon in der 9. Klasse oder erst in Klasse 10 Aufbaukurse eingerichtet werden und vieles mehr. Darüber beschließen muss die Schulkonferenz (mit Zweidrittelmehrheit) auf Vorschlag der Gesamtkonferenz – also ein äußerst komplexes und zeitaufwändiges Verfahren. Das alles soll die „Eigenständigkeit“ und „Selbständigkeit“ der Schulen stärken. Es geht aber wohl mehr darum, Aufgaben des Ministeriums auf die Schulen abzuwälzen. Zudem sichert sich die Schulverwaltung auf diese Weise ein hohes Maß an Flexibilität. Denn starre Vorgaben könnten zusätzliche Kosten verursachen. Wären z.B. in der 9. Klasse Aufbaukurse zwingend vorgeschrieben, müssten diese natürlich auch eingerichtet werden, wenn die Schülerzahl sehr gering ist, was wiederum vorteilhaft wäre für Schüler und Lehrer.  Fazit: Die Schulen sollen sich erst mal überlegen, was sie wollen, und dann wird entschieden, ob sie das auch dürfen. Und anstatt Wege zu finden, wie der ausufernde Verwaltungsaufwand reduziert werden kann, wird dem Ganzen noch eins drauf gesetzt.

Wir bleiben dabei: Das bisherige Konzept der Gemeinschaftsschule dient in erster Linie dem Ziel, Ressourcen einzusparen. Die saarländische Linke hätte sich niemals auf diesen faulen Kompromiss einlassen dürfen!

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