Die Schmierenkomödie

Der saarländische Landtag hat mit den Stimmen der Großen Koalition eine Rückkehr zu G9 (Abitur an den Gymnasien nach 9 Jahren) erwartungsgemäß abgelehnt. Die Elterninitiative G9-Jetzt! hatte die parlamentarische Auseinandersetzung mit dem Thema erzwungen, nachdem die meisten Bundesländer inzwischen wieder von G8 abgerückt sind und ein G9 zumindest teilweise ermöglichen. Lediglich das Saarland hält bisher stur und verbissen am Turbo-Abitur fest. Weiterlesen

Kein Konzept für die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen

Der Aufbau der Gemeinschaftsschulen könnte an der Frage der Oberstufen-Standorte für die ehemaligen Erweiterten Realschulen scheitern. Offenbar gibt es immer noch kein schlüssiges Konzept. Das Problem wird in die Zukunft verlagert

Gemeinschaftsschule statt Turbo-Abi

Die Schaffung der Gemeinschaftsschule im Saarland sollte das große Vermächtnis sein, das die vorzeitig abgelöste Jamaika-Regierung der Nachwelt hinterließ. Eine aufwändige Werbekampagne wurde ins Rollen gebracht, um den Eltern die neue Schulform als echte Alternative zum 8-jährigen Gymnasium schmackhaft zu machen. Geradezu gebetsmühlenhaft betonte der damalige Bildungsminister Klaus Kessler von den Grünen immer wieder, dass die Gemeinschaftsschule  als „zweite Säule“ im Schulsystem „gleichberechtigt“ und „in Augenhöhe“ neben dem Gymnasium stehe. Ein Hort der Glückseligkeit für alle, die das Turbo-Abi ablehnen und lieber stressfrei zur Hochschulreife kommen wollen. Es entstand der Eindruck, mit der Entscheidung für die Gemeinschaftsschule seien im Saarland schlagartig alle Bildungshürden abgebaut und es gebe künftig nur noch angehende Abiturienten.

Doch die nüchterne Schul-Realität sieht natürlich völlig anders aus. Ungefähr 50 Prozent aller Schüler, die an Gemeinschaftsschulen angemeldet werden, sind Hauptschüler (sie existieren noch, obwohl die Hauptschule abgeschafft wurde), die anderen machen überwiegend einen mittleren Bildungsabschluss. Nur ein kleiner Rest (allenfalls 10 Prozent eines Jahrgangs) schafft das Abitur oder eine Fachhochschulreife. In diesem Rahmen bewegen sich jedenfalls die Zahlen der vergangenen Jahre zu den Gesamtschulen. Dort hat sich durch die Umwandlung in Gemeinschaftsschulen kaum etwas geändert. Eine Oberstufe war immer schon fester Bestandteil der Schulordnung, entweder in Kooperation mit einem Gymnasium oder als eigenständige Oberstufe für mehrere Gesamtschulen im Verbundsystem.

Das Dilemma der Erweiterten Realschulen

Ganz schlechte Karten haben allerdings die Erweiterten Realschulen, die erst noch Oberstufen einrichten müssen. Obwohl sie den größten Anteil der Gemeinschaftsschulen ausmachen (71 Prozent), ist dort bislang noch nichts geregelt. Alle Eltern, die ihre Kinder bisher an einer ERS-Gemeinschaftsschule angemeldet haben, tappen in Sachen Oberstufe noch völlig im Dunkeln. Noch immer ist völlig unklar, ob es ein Verbund-System geben wird oder eine Kooperationslösung mit einem Gymnasium. Vorteilhafter für die Schüler wäre auf jeden Fall der Verbund. Denn an einer eigenen Oberstufe werden ausschließlich Gemeinschaftsschüler mit gleichem Kenntnisstand auf das Abitur vorbereitet. Am Gymnasium dürfte der Anschluss bedeutend schwieriger sein, selbst wenn dort die Klasse 10 noch mal wiederholt wird. Ob es jedoch tatsächlich zu neuen Verbundsystemen kommen wird, ist mehr als fraglich. Denn dazu müssten komplette Oberstufen (Klassen 11 bis 13) neu personalisiert werden mit Gymnasial-Lehrkräften, die an den Erweiterten Realschulen so gut wie nicht vorhanden sind. Eine Zwangsrekrutierung mit Personal von den Gymnasien würde nur böses Blut schaffen und wäre erfahrungsgemäß eher kontraproduktiv. Und Neueinstellungen sind zu Zeiten des Schülerrückgangs und der Schuldenbremse wohl illusorisch.

Eltern brauchen Planungssicherheit

Viele offene Fragen und keine eindeutigen Antworten. Die ersten Oberstufen von Gemeinschaftsschulen werden im Schuljahr 2018/2019 entstehen. So lange sollte man nicht warten. Konkrete Oberstufen-Pläne müssten jetzt schon vorliegen. Eltern haben ein Recht darauf, zu wissen, was auf ihre Kinder zukommt.

Anmerkung:

Dieser Beitrag ist auch eine Reaktion auf die Äußerungen des Sprechers des Arbeitskreises der Schulleiter an Gemeinschaftsschulen, Arno Heinz (Saarbrücker Zeitung vom 8.8.2013). Heinz` Forderung nach Klarheit für die Oberstufen-Standorte ist sicherlich berechtigt.
PiSAAR distanziert sich jedoch ausdrücklich von dessen Bereitschaft, Schulschließungen wegen geringer Anmeldezahlen zu akzeptieren. Hier dürfte Heinz sich (mal wieder) völlig vergaloppiert haben. Weiß er eigentlich, für wen er spricht?

Das Saarland bleibt bei G8

An G8 wird im Saarland nicht gerüttelt
G8, das achtjährige Gymnasium, wird inzwischen von den meisten Eltern abgelehnt. Ein Bundesland nach dem anderen kippt diese sogenannte Reform oder bietet zumindest G9 als zusätzliche Alternative an.

Im Saarland will man davon nichts wissen. Das ist auch verständlich. Denn der damalige saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU) war in Deutschland der erste, der auf die Idee kam, ein solches Turbo-Abitur einzuführen. Wir sind die Vorreiter. Die anderen Bundesländer haben sich drangehängt.
Schreier ging es jedoch nicht um eine Verkürzung der Ausbildungszeiten, ohne die wir „den Anschluss an Europa“ verlieren würden. Dieses, bis heute immer wieder nachgeplapperte Argument, ausgesprochen von einem der 16 deutschen Bildungsminister, wird beim europäischen Nachbarn sicherlich sehr zur Erheiterung beigetragen haben. Denn der deutsche Bildungsföderalismus besteht aus den 16 verschiedenen Bildungssystemen der Länder und wir schaffen noch nicht einmal den Anschluss untereinander geschweige denn europaweit. Es muss außerdem zumindest hinterfragt werden, ob junge Leute schon im Alter von 17 oder 18 Jahren unbedingt sofort studieren müssen, obwohl sie von der Welt noch nichts wissen.

Jedenfalls hatte Schreier mit Sicherheit nicht die saarländische Konkurrenfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn im Blick, sondern wohl mehr das Sparpotential, das in der Verkürzung der Schulzeit verborgen liegt: nachdem der erste G8-Jahrgang durchgelaufen ist, entfällt die komplette Jahrgangstufe 13 und braucht nicht mehr personalisiert zu werden. G8 begann 2001. Den Jahrgang 13 konnten wir uns jetzt also schon zwei Jahre lang sparen und daran wird im rettungslos überschuldeten Saarland krampfhaft festgehalten. G8 wird nicht abgeschafft sondern allenfalls reformiert.

Gemeinschaftsschule statt G9
Und schließlich gibt es ja auch noch die Gemeinschaftsschule. Der Königsweg für alle, die es lieber etwas gemütlicher haben wollen. Das Abitur mit 9 Jahren ist immer das erste und wichtigste Argument, mit dem für die Gemeinschaftsschule geworben wird. So entsteht der Eindruck, jedes Kind könne Abitur machen. Die Eltern brauchen sich nur zu entscheiden, ob in 8 Jahren am Gymnasium oder in 9 Jahren an der Gemeinschaftsschule. Bei dem Königsweg könnte es sich jedoch auch um einen Holzweg handeln. Etwa 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der bisherigen Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen schaffen allenfalls einen Hauptschulabschluss oder mittlere Reife. Zu wenig Abiturienten also, um sich glaubhaft als Alternative zu G8 darstellen zu können. Allein die Zusammenfassung dieser beiden Schulformen zu einer abgespeckten Gesamtschule, die sich Gemeinschaftsschule nennt, hindert die Eltern nicht daran, ihr Kind am Gymnasium anzumelden und dabei G8 in Kauf zu nehmen. Der Run auf das Gymnasium dürfte sich im Saarland mangels echter Alternativen in den nächsten Jahren sogar noch verstärken. Das wiederum wird zur Folge haben, dass massenhaft an die Gemeinschaftsschulen abgeschult werden muss. Und damit schließt sich dann wieder der Teufelskreis. Am vielgescholtenen deutschen Ausleseprinzip ändert sich nichts.

Gespielte Entrüstung

Der Aufschrei der CDU gegen die von Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) ins Gespräch gebrachte Gebührenerhöhung für die sogenannte freiwillige Ganztagsschule ist nichts anderes als Verlogenheit und gespielte Entrüstung.

Die zu Zeiten der letzten CDU-Alleinregierung unter Peter Müller entstandene saarländische Form der Ganztagsschule wurde fälschlicherweise durch Gelder des Bundes aus dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB)“ finanziert. Sie war niemals etwas anderes als eine reine Nachmittagsbetreuung. Um jedoch die Bundesgelder abrufen zu können, wurde dieser Nachmittagsbetreuung das Etikett „Ganztagsschule“ angeheftet. Der Ausbau echter Ganztagseinrichtungen, wie es das Investitionsprogramm vorsah, wurde schlichtweg ignoriert, weil solche Bildungsinvestitionen Folgekosten für das Saarland verursacht hätten. Wo hingegen das Land für die Nachmittagsbetreuung, die von außerschulischen Trägern durchgeführt wird, die Kosten auf die Eltern abwälzen kann.

Dem damaligen CDU-Bildungsminister Schreier wird demnach klar gewesen sein, dass die Eltern spätestens mit dem Auslaufen des Investitionsprogramms verstärkt zur Kasse gebeten werden müssen. Wenn die CDU sich also jetzt über zusätzliche Elterngebühren aufregt, kann dies nach einem halben Jahr Regierungszeit nur als erster Versuch gewertet werden, sich auf Kosten des SPD-Koalitionspartners zu profilieren. Man wird sehen: nachdem dieses Thema jetzt in der Regierungskoaltion erst mal bis zum Sommer auf Eis gelegt wurde, wird sich nächstes Jahr niemand mehr über die Gebührenerhöhung aufregen …