All Inklusion

Die saarländische Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Das Saarland hat im deutschen Bildungsföderalismus eine eigenständige Bildungshoheit. Somit besteht auch hierzulande die klare Verpflichtung, die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention im Bereich der Bildung umzusetzen und inklusiven Unterricht zu ermöglichen. Doch auch diesmal entsteht aus dem Kleinen nichts Großes. Das Saarland bleibt seiner alten bildungspolitischen Tradition treu:  Alle größeren Veränderungen in der Schulpolitik sind entweder (versteckte) Sparmaßnahmen oder dürfen zumindest nichts kosten. Genauso verhält es sich mit der Inklusion. Sie soll absurderweise zum Nulltarif eingeführt werden. Das bedeutet konkret: Die Umsetzung der Inklusion ist bei uns kein Prozess, sondern sie erfolgt per Dekret. Die Schulformen werden nach und nach ohne entsprechende Ausstattung und Vorbereitung kurzerhand zu Inklusionsschulen erklärt. Alles Weitere erweist sich später.

Über Nacht Inklusionsschule

Es beginnt mit den Grundschulen, die ab dem kommen Schuljahr in einer Art unbefleckten Empfängnis, quasi über Nacht, inklusionstauglich gemacht werden. Unterstützung erhalten sie lediglich durch 105 Lehrkräfte, die von den Förderschulen in der Hoffnung abgezogen werden, dass sie dort nicht mehr erforderlich sind. Das reicht jedoch hinten und vorne nicht. Es wird also noch nicht einmal für jede Grundschule einen Förderlehrer geben. Trotzdem sollen ab dem 8. September 2014, pünktlich zum Schuljahresbeginn,  die saarländischen Grundschulen die UN-Vorgaben für den gemeinsamen Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder erfüllen können. Förderschulen wird es dann zwar weiterhin geben, doch steht es den Eltern nun frei, ihr behindertes Kind genauso an einer Grundschule einschulen lassen.

Es fehlt an allem

Doch die 162 saarländischen Grundschulen sind im Gegensatz zu den Förderschulen (41) kaum mit dem Notwendigsten ausgestattet, um die uneingeschränkte Teilhabe behinderter Kinder am Unterricht zu ermöglichen. Es gibt zu wenig Förderlehrkräfte und Betreuungspersonal, geeignete Räume fehlen, wichtige Lern- und Unterrichtsmittel (z.B. für Hör- und Sehbehinderte) sind ebenfalls nicht vorhanden. Die typischen Schulgebäude haben oft noch nicht einmal einen Fahrstuhl oder eine Auffahrrampe für Rollstuhlbehinderte. Völlig unvorbereitet ist man vor allem auf Behinderte mit schwerwiegenden Störungen im sozial-emotionalen Bereich. Dabei handelt es sich um Kinder mit extremen Verhaltensauffälligkeiten, die unablässig  die Aufmerksamkeit der Mitschüler und Lehrkräfte in Anspruch nehmen.

Eine ehrliche Lösung wäre angebracht

Natürlich sind wir ein Haushaltsnotlageland und können es uns nicht leisten, kurzfristig an allen Schulen die UN-Vorgaben zu erfüllen. Das sollte uns jedoch nicht dazu verleiten, den betroffenen Eltern falsche Tatsachen vorzutäuschen. Die Grundschulen sind noch lange nicht bereit für die Inklusion. Selbst an den 11 wesentlich besser ausgestatteten saarländischen Pilotschulen, die die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention bereits seit zwei Jahren erproben, gibt es erhebliche Probleme. Es wäre ein faires Verfahren, die Bedingungen dieser Versuchsschulen so lange zu verbessern, bis sie wirklich inklusionstauglich sind. Erst in einem nächsten Schritt könnten dann nach diesem Muster weitere saarländische Schulen entstehen.

Das altbekannte Strickmuster

Die Regelschulen jedoch in einem Hau-Ruck-Verfahren ohne die erforderliche Vorbereitung zu Inklusionsschulen zu erklären, wird unweigerlich zu einem Desaster führen. Die Lehrkräfte sind mit dieser Situation überfordert. Weder behinderte noch nichtbehinderte Kinder erhalten dann die nötige Unterstützung. Die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern werden enttäuscht.
Diese Inklusions-Lösung ist nach dem altbekannten saarländischen Muster der Flickschusterei gestrickt: eine halbgare und unfertige Lösung. Solche Lösungen sind in der Bildungspolitik bekanntlich kontraproduktiv: es gibt nicht den erhofften Fortschritt, sondern einen Rückschritt. Und von denen haben wir im Saarland wirklich schon mehr als genug.

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