Wozu 15 Punkte?

Masse statt Klasse
Nie zuvor wurde in Deutschland so oft Abitur gemacht. Bildungsforscher stellen einen “Trend zu mehr Bildung” fest. Die Abiturienten-Quote, so der jüngste Bildungsbericht des Deutschen Instituts für Pädagogische Forschung, sei inzwischen auf 57 Prozent gestiegen.
Insider, die den Bildungsbetrieb kennen, wissen allerdings: Die Zahl der Bildungsabschlüsse hat rein gar nichts zu tun mit dem Bildungsniveau. Die Steigerung der Abiturquote ist viel mehr der Beweis für den schleichenden Niveauverfall des höchsten deutschen Schulabschlusses. Jedes Bundesland will steigende Abitur-Quoten, um damit den Erfolg der eigenen bildungspolitischen Anstrengungen unter Beweis zu stellen. Das Saarland setzt dabei neben dem Gymnasium vor allem auf alternative Wege zum Abitur wie Gemeinschaftsschulen, berufliche Oberstufengymnasien sowie Schulen in Abendform. Wir haben ausführlich berichtet über den enormen Aufwand, der betrieben wurde, um die Gemeinschaftsschulen als ebenbürtige Schulform neben dem Gymnasium zu positionieren. Das sture Festhalten an G8 dient letztlich ebenso dem Zweck, auf Dauer mehr Abiturienten zu produzieren. Auch das neue Notensystem an den saarländischen Gymnasien könnte diesen Trend fortsetzen.

Gedanken zur Benotung mit 15 Punkten

Für die Klassen 5 bis 9 der saarländischen Gymnasien gilt nach den Sommerferien das 15-Punkte-Notensystem der Gemeinschaftsschulen. Künftig wird nicht mehr mit 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) bewertet, sondern mit 0 (ungenügend) bis 15 (sehr gut). Das ist zunächst einmal nur eine andere Form, Leistungen darzustellen, die durch die Bezeichnungen sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft und ungenügend auch weiterhin zusätzlich in Worten ausgedrückt werden müssen (s. Tabelle unten).

Punktnoten machen sicherlich keine besseren Noten. Doch sie senken die Hemmschwelle, Leistungen zu beschönigen. Problematisch wird es vor allem, wenn die Punktnoten mit den erzielten Leistungen nach Rohpunkten gleichgesetzt bzw. verwechselt werden. Gibt es beispielsweise für eine Mathematikarbeit maximal 15 Punkte, würde ein Schüler auf diese Weise mit 4 Punkten (s. Tabelle) noch eine ausreichende Leistung erzielen. Ausschlaggebend für die Einschätzung der Leistung sind jedoch Wertetabellen wie vor allem die Berliner Tabelle. Sie gibt vor, dass für eine ausreichende Leistung mindestens 45 Prozent der maximalen Punktzahl erreicht werden muss. Das wären in diesem Fall also 7 Punkte. Die erzielten 4 Punkte in der Mathematikarbeit würden demnach gerade noch so reichen für die Note mangelhaft (01 bzw 5-)!

Rein subjektiv betrachtet, erscheint es auf jeden Fall wesentlich einfacher, 4 von 15 Noten-Punkten zu erreichen als die bisherige 4 aus den Noten 1 bis 6. Das könnte auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb die Oberstufe, wo die 15-Punkte-Wertung schon seit langem besteht, geringfügig von dieser Regelung abweicht. Ein Kurs mit der Note 04 gilt dort – anders als in der Mittelstufe – als nicht bestanden.

Lehrkräfte haben für ihre Bewertungen einen großen Spielraum. Sie sind nicht verpflichtet, sich an das Berliner Modell zu halten und können eigene Bewertungsmaßstäbe schaffen. Das 15-Punkte-Notensystem macht es ihnen auf jeden Fall leichter, dem steigenden Druck durch Schüler, Eltern und Schulleitungen nachzugeben, möglichst gute Noten zu erteilen. Was sonst sollte der Grund für die Einführung an den Gymnasien gewesen sein? Vorteile sind nicht ersichtlich. Für die Schulen und Lehrkräfte entsteht dagegen vor allem ein erhöhter Verwaltungsaufwand. Alle Zeugnisformulare im Bereich der Mittelstufe müssen neu konzipiert werden.
Die Übernahme des Notensystems der Gemeinschaftsschulen für Klassen 5 bis 9 des Gymnasiums bedeutet zwar eine Angleichung beider Schulformen („auf Augenhöhe„), aber sie geht vermutlich zu Lasten der Bildungsqualität.

Notentabelle mit Leistungsanforderung 
Punktnoten
0 bis 15
 00  01  02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15
Mindestleistung in %
(Berliner Modell)
 0 25 32 38 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 93 97
Noten 1 bis 6
(wie bisher)
 6 5- 5 5+ 4- 4 4+ 3- 3 3+ 2- 2 2+ 1- 1 1+
Wortnoten  ungenügend mangelhaft ausreichend befriedigend gut sehr gut

 

 

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