G9 jetzt! – Alles andere ist Flickschusterei

Nun hat sich auch im Saarland der Widerstand gegen G 8 (Gymnasium in 8 Jahren) formiert. Die Elterninitiative „G9-Jetzt!“ will ab November innerhalb von 6 Monaten zunächst einmal 5000 Unterschriften sammeln, damit sich der Landtag mit dem Thema G 8 befassen muss. Falls sich die Mehrheit der Abgeordneten dann für die Beibehaltung von G 8 entscheiden sollte, wird ein Volksbegehren angestrebt, um das Turbo-Abitur mit den Unterschriften von 7 Prozent der Wahlberechtigten doch noch zu Fall zu bringen.

Ein dickes Lob gebührt Katja Oltmanns, der Sprecherin der Initiative. Sie muss sich nun auch gegen eine große Zahl von Mitläufern zur Wehr setzen, die plötzlich ihre Meinung geändert haben und nun doch (aus fadenscheinigen Gründen) an G 8 festhalten wollen.

Der Einheitsbrei der Großen Koalition
Die Auseinandersetzung um G8 ist ein besonders trauriges Kapitel saarländischer Bildungspolitik: Aufgrund der politischen Großwetterlage wollen nun viele von denen das Turbo-Abi beibehalten, die sich früher vehement dagegen ausgesprochen hatten. Sogar die GEW macht den Rückzieher und schlägt lediglich vor, das bisherige G8 wieder mal zu reformieren. Auch bei der Landeselterninitiative für Bildung äußert man sich zurückhaltend („Korrekturmöglichkeiten“). Von Streitkultur ist im Saarland nicht mehr viel zu spüren. Der Einheitsbrei der Großen Koalition ist inzwischen bis zu den Interessenverbänden durchgesickert. Angesichts der erdrückenden SPD/CDU-Mehrheit sind viele kritische Stimmen im Land verstummt oder zumindest sehr leise geworden.

Der wahre Grund für G8
Hinzu kommt eine große Portion Verlogenheit. Denn der Hauptgrund, weshalb das Saarland als einziges Bundesland so krampfhaft an G8 festhält, ist der erzielte Spareffekt. Das wird natürlich nicht offen ausgesprochen. Noch scheuen Politiker den Vorwurf, sie wollten auf Kosten der Kinder ihre Haushalte sanieren. Im Saarland, dem ersten G8-Bundesland, sind die Gymnasien bereits im vierten Jahr ohne Klassenstufe 13. Folglich muss für diesen Jahrgang auch kein Personal eingestellt werden. Diesen Spareffekt will man sich hierzulande angesichts der katastrophalen Verschuldung nicht mehr nehmen lassen. Auch dann nicht, wenn viele andere Bundesländer schon längst dazu übergegangen sind, G8 nach und nach abzuschaffen oder zumindest zusätzliche G9-Alternativen anzubieten.

Die vermeintliche Alternative
Nur so kann die Politik sicher nicht gegenüber der Öffentlichkeit argumentieren. Deshalb wird nach außen hin zäh und verbissen die Gemeinschaftsschule als G8-Alternative bemüht: Wer den Stress mit G8 nicht wolle, könne schließlich dort auch in 9 Jahren zur Hochschulreife kommen. Doch diese Rechnung geht so nicht auf. Schuld daran ist das aus den Wirren der Jamaika-Regierung hervorgegangene „Zwei-Säulen-Modell“ mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule als „gleichwertige Schulformen“. Inzwischen werden es viele ehemalige Verfechter dieses Modells einsehen (aber nicht zugeben): Es war ein großer Fehler, nur noch zwei weiterführende Schulformen anzubieten. Von Gleichwertigkeit und „Augenhöhe“ kann keine Rede sein. Alle Eltern, die auch nur die geringste Chance sehen, dass ihr Kind Abitur machen könnte (auch ohne Empfehlung), melden es am Gymnasium an. Die Gemeinschaftsschule wird damit zwangsläufig zur neuen Restschule. Ihr fehlen konstant die guten Schüler.
Etwa 50 Prozent aller saarländischen Kinder werden einen Hauptschulabschluss erreichen. Viele schließen mit der Mittleren Reife ab. Nur wenige Schüler der Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen schafften es bisher bis zum Abitur. Für Kinder, die aus dem Raster der verfrühten Selektion rausfallen und dennoch die Voraussetzungen für das Abitur mitbringen, fehlen ausreichende Fördermöglichkeiten. Sie durchlaufen bis zur Klasse 9 einen Unterricht, der sich vorrangig am Niveau der Haupt- bzw. Mittlere-Reife-Schüler ausrichten muss (sie sind die große Mehrheit). Erst in Klasse 10 sollen dann plötzlich die Abi-Kandidaten in den Hauptfächern auf „gymnasialem Niveau“ unterrichtet werden. Wer auf diese Weise in die Oberstufe wechselt, wird es schwer haben. Die Gemeinschaftsschulen werden wohl auch keine eigene Oberstufe bilden können. Dazu müssten zwei Klassen entstehen. Doch das ist illusorisch. Außerdem fehlen die erforderlichen Gymnasiallehrer. Es wird also aller Voraussicht nach zu Kooperationen kommen mit den Gymnasien vor Ort. Wahrscheinlich müssen Gemeinschaftsschüler dann dort die Klassenstufe 10 noch einmal durchlaufen. Wie das alles genau funktionieren soll, weiß noch niemand so richtig. Bisher gibt es nur Versprechungen. Spätestens ab dem Schuljahr 2018/2019 wissen wir mehr. Dann müssen die Gemeinschaftsschulen erstmals eine Oberstufe anbieten…

Siehe auch: Das Saarland bleibt bei G8

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Ein Kommentar zu G9 jetzt! – Alles andere ist Flickschusterei

  1. Peter sagt:

    Finde ich gut, diese Initiative.

    G8 wurde einfach so von den (hochbezahlten) Damen und Herren Politikern beschlossen – ohne uns Bürger (und vor allem Eltern) zu fragen. Nur „bezahlen“ dürfen wir immer. Bzw. mit den Konsequenzen leben.

    Und dann kommen die Politiker, wenn man Ihre Entscheidungen kritisiert, auch noch so daher wie ein Herr Commerçon – dessen Fähigkeit zum „Nachgeben der Bürgerforderungen“ mich an Schillers Glocke erinnert: „…Festgemauert in der Erden, steht der Commercon aus Stahl gebrannt…“ oder so ähnlich…

    Zur Sache selber: Ich selbst plädiere für G9. Argumente dafür wurden schon zuhauf genannt:

    z.B.: Neben Schule & Lernen gibt es auch noch andere Aktivitäten wie Vereine & Sport, die die Sozialkompetenz von Kindern fördern bzw. ganz andere Bereiche fördern als das pure „Wissen“. Auch das braucht Zeit.

    Kinder von Eltern, denen die schnelle Karriere Ihrer Kinder am wichtigsten ist oder echte Hochbegabte können gern das Abitur in 8 Jahren machen. Von mir aus auch in 7.

    Ich halte es für ausreichen, wenn die Hochschulabsolventen den Unternehmen z.B. mit 25 statt mit 23 zur Verfügung stehen.

    Statt G8 hätten sich unsere Politiker besser mal zu echten Reformen hinreisen sollen. und zwar große Reformen, bei denen sowohl Bildungsinhalte als auch Methoden auf den Prüfstand gestellt werden:. Aber das ist ja „Arbeit“ … man muß sich mit unbequemen Themen (z.B. was macht man mit unfähigem Lehrpersonal) auseinandersetzen, was Wählerstimmen kosten könnte …. und letztlich kostet es Geld (besseres Personal, mehr Personal, mehr/modernere Ausstattung).

    Dann doch besser das Geld für andere Dinge rauswerfen, bei denen man mit schickem Eröffnungs-Foto in der SZ glänzen kann: 4. Pavilion, Stadtmitte am Fluss (gerne mit Tunnel), Ludwigsparkstadion, Bergbaudenkmal, ….

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