Der Anschein einer Oberstufe

Seit dem Start der Gemeinschaftsschule im August 2012 war klar: eine Oberstufenlösung musste irgendwann mal kommen. Denn spätestens bis Ende 2017 sollten die ersten Abi-Kandidaten und deren Eltern wissen, wie denn nun an der Gemeinschaftsschule Abitur gemacht werden kann.

Wo ist die versprochene Oberstufe?
Bis jetzt hat das Bildungsministerium dieses Thema geflissentlich ignoriert bzw. vor sich her geschoben. Erst nachdem sich die Anfragen häuften, sah man jetzt notgedrungen Handlungsbedarf. Und der Berg bewegte sich und gebar eine Maus: Am 4. Februar wurde der Öffentlichkeit ein Oberstufenmodell für die Gemeinschaftsschulen vorgestellt. Doch man konnte sich noch so sehr die Augen reiben: Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen suchte man in diesem Modell vergeblich. Es gibt auch definitiv keine. Alle Abi-Kandidaten müssen die Schule wechseln. Die meisten werden genötigt, ein Gymnasium zu besuchen und dort ein G8-Abi in Klasse 12 zu versuchen, einige werden an den Oberstufengymnasien der berufsbildenden Schulen unterkommen oder an Oberstufen der ehemaligen Gesamtschulen. Nirgendwo findet sich eine von Klasse 5 bis 13 durchstrukturierte Gemeinschaftsschule mit Abitur.
Die gebetsmühlenhaft verbreitete Behauptung, an Gemeinschaftsschulen könne auch Abitur gemacht werden, ist so gesehen eine Täuschung. Es wird lediglich eine Berechtigung für den Übergang an (irgend)eine Oberstufe erworben. Alles weitere steht in den Sternen.

Alles nur Augenwischerei
Nun fragt man sich natürlich zurecht, worin sich dieses Oberstufenmodell, das zum Schuljahresbeginn 2018/2019 in Kraft treten soll, von dem bisherigen Verfahren unterscheidet. Schon immer hatten leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler der ehemaligen und auslaufenden Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen die Möglichkeit, eine Oberstufe an einem anderen Standort zu besuchen. Der einzige Unterschied zum jetzt vorliegenden „Oberstufenmodell“ für die Gemeinschaftsschulen ist in der Tat rein kosmetischer Art. Nachdem unter Federführung des Jamaika-Bildungsministers Klaus Kessler (Grüne) die Gemeinschaftsschule mit viel Werbegetöse als zweite Säule gleichwertig neben dem Gymnasium aufgebaut wurde, war man gezwungen, der Öffentlichkeit wenigstens eine Pseudo-Oberstufe zu präsentieren. Kessler hatte sich in seiner Amtszeit wenig Gedanken gemacht um ein Oberstufenkonzept für seine neue Schulform. Damit konnte man sich getrost noch bis zur nächsten Legislaturperiode Zeit lassen. Er wird auch ganz genau gewusst haben, dass eine eigene Oberstufe für die Gemeinschaftsschulen im finanzschwachen Saarland nicht zu finanzieren ist. Trotzdem wurde das Abitur zum herausragenden Qualitätsmerkmal der GemS hochstilisiert. Der grüne Bildungsminister wollte damals übereilt und mit aller Gewalt etwas Neues anbieten, um seine Partei vom Negativ-Image zu befreien.
Die Folgen dieser unausgegorenen Schulpolitik wird nun Bildungsminister Ulrich Commerçon auszubaden haben. Er hat die Gemeinschaftsschule nie gewollt und muss dem Nichts jetzt wenigstens einen Anschein verleihen.

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