PISAAR

Blog zur saarländischen Bildungspolitik


100 Tage “Saarmaika”-Bildungspolitik

Erstellt von Arno Malburg am Samstag 13. Februar 2010

Mehr Schein als Sein

Die bisherige Bildungspolitik unter Klaus Kessler erinnert stark an den ehemaligen Kultusmi­nister und jetzigen Saartoto-Geschäftsführer Jürgen Schreier. Auch er verstand es ausgezeichnet, sich der wohlgesinnten konservativen saarländische Presse zu bedienen. Nicht die Politik zählte, sondern deren Verpackung. Er war der Meister der „Bildungsoffensive“. Jeder schmerzhafte Ein­schnitt und jeder Rückschritt im saarländischen Bildungssystem erhielt einen klangvollen Namen und sollte den Saarländerinnen und Saarländern als neue Errungenschaft verkauft werden. Klaus Kessler ist auf dem besten Weg, erfolgreich an diese Tradition anzuknüpfen.

Public Relations

Gleich zu Anfang seiner Amtszeit lässt er durch die Saarbrücker Zeitung verkünden, die verbindli­che Schullaufbahn-Empfehlung nach der vierten Grundschulklasse werde abgeschafft. Es bliebe al­lein den Eltern überlassen, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. Von „Stärkung der Elternrech­te“ und „mehr Chancengleichheit“ war die Rede. Wenig später wurde von der SZ-Redakteurin Cathrin-Elss-Seringhaus ein Portrait des neuen Bil­dungsministers nachgeschoben. Und die staunende Öffentlichkeit durfte jene rührselige Geschichte des kleinen Klaus erfahren, der von seinem Lehrer keine Empfehlung fürs Gymnasium bekam, weil der Vater Hüttenarbeiter war. Das ist gekonnte Pu­blic Relations. Eine Werbeagentur würde es nicht besser machen. Was in dem Portrait allerdings ver­schwiegen wurde: Damals gab es für die Aufnahme am Gymnasium eine Eignungsprüfung. Hat Herr Kessler die vielleicht nicht bestanden?

Schullaufbahn-Entscheidung ist jetzt eine Empfehlung

Auch der angebliche Wegfall der Schullaufbahn-Entscheidung durch die Grundschullehrerinnen und -lehrer ist nicht mehr als ein Heißluftballon. Alles, was sich geändert hat, ist folgende Formulie­rung:

„Der Schüler/Die Schülerin erfüllt die Voraussetzungen zum Besuch des Gymnasiums“.

Sie lautet nun für die gymnasiale Empfehlung:

„Die Leistungsentwicklung des Schülers/der Schü­lerin lässt den erfolgreichen Besuch eines Gym­nasiums, einer Gesamtschule und einer Erweiterten Realschule erwarten.“

Ansonsten heißt es:

„Dem Schüler/Der Schülerin wird der Besuch ei­ner Erweiterten Realschule oder einer Gesamtschul­e empfohlen.“

Einer dieser beiden letztgenannten Vermerke erscheint wie eh und je auf dem Entwicklungsbericht des Halbjahres­zeugnisses von Klasse vier. Geändert hat sich eigentlich nur, dass die Grundschullehrkräfte gemäß der neuen Verordnung (vom 8. Januar 2010) etwas mehr Arbeit haben. Sie sind nun verpflichtet, mit den Eltern ein Beratungsgespräch durchzuführen, in dem die Empfehlung für die jeweilige Schulform nochmals begründet werden soll.

Es spielt für die Eltern keine Rolle, wie die Schullaufbahn-Empfehlung formuliert wird. Sie ist nach wie vor vorhanden. An dem ungerechten, viel zu früh einsetzenden Ausleseprinzip hat sich nichts geändert.

Das leidige 5. Grundschuljahr

Als Platzpatrone hat sich inzwischen auch die zweifelhafte „Errungenschaft der Grünen“ herausgestellt, zum Zwecke des längeren gemeinsamen Lernens ein fünftes Grundschuljahr einzuführen. Dieser oberfaule Kompromiss ist das beste Beispiel dafür, wie verkommen Politik manchmal sein kann. In keiner anderen Industrienation werden wie in Deutschland Kinder schon nach der vierten Klasse auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt. In der Regel bleiben die Kinder bis zur achten Klasse zusammen. Alles andere macht keinen Sinn. Bildungspolitisches Ziel der saarländischen Grünen ist eine „Schule für alle“ bis zum 9. Schuljahr (s. Wahlprogramm). Inzwischen gibt es in dem Wirrwarr des deutschen Bildungsföderalismus zaghafte Ansätze für ein gemeinsames Lernen bis zur 6. Klasse. Aber es käme in ganz Deutschland niemand auf die verrückte Idee, nach dem fünften Schuljahr aufzuteilen. Das wäre völlig kontraproduktiv, weil den aufnehmenden Schulen bis zum Eintritt der Kinder in die Pubertät zu wenig Zeit bliebe um eine funktionierende Klassengemeinschaft aufzubauen. Zudem entstünde aus dem völlig vermurksten G8 wahrscheinlich ein noch problematischeres G7.

Dieses absurde 5. Grundschuljahr ist das magere Ergebnis der Koalitionsverhandlungen der Grünen mit FDP und CDU. Sie wären besser damit bedient gewesen, die alte Regelung beizubehalten. Doch man sah sich gezwungen „irgendetwas“ vorzuweisen, was Jamaika rechtfertigen sollte. Der Koalitionsbeschluss war vielleicht auch nicht einmal ernst gemeint, wie der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Christian Schmitt durchblicken ließ. Schmitt sprach in einem Gespräch mit Schulelternvertretern davon, dass die SPD diesen „Unsinn“ ohnehin verhindern werde. Man zählt offensichtlich auf die Einsicht der SPD, die bereits signalisiert hat, dass sie der erforderlichen Verfassungsänderung so gewiss nicht zustimmen werde.

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